Berlin (dpa/fb) l Seit Anfang September arbeiten wieder neue Lehrlinge in den Betrieben. Allerdings finden längst nicht alle Azubis eine passende Stelle in der Nähe. Pendeln ist daher schon ein Thema für Berufsanfänger, denn gerade auf dem Land ist die Entfernung ein zunehmendes Problem. Zumal viele Azubis noch zu jung für Führerschein und eigenes Auto sind – oder es sich nicht leisten können. „Die Erreichbarkeit von Ausbildungsbetrieben ist für Auszubildende ein großes Thema im Handwerk, besonders in ländlichen Räumen“, sagt Frank Zopp, Sprecher des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Der ÖPNV sei oft unzureichend und die Wege würden länger, da die Betriebe verstärkt an Ortsränder verdrängt würden.

In westdeutschen Bundesländern pendeln Azubis laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) durchschnittlich 33 Kilometer, in den ostdeutschen sogar 51 Kilometer. Jeder 25. in Ostdeutschland lebende Azubi fährt in den Westen. Besonders weit haben es in Berlin wohnende Azubis, die nicht in der Hauptstadt arbeiten: Sie sind im Schnitt 174 Kilometer unterwegs.

Ein Fünftel weniger Berufsschüler 2035

Auch der Weg zur Berufsschule ist für etliche Lehrlinge weiter als noch für frühere Generationen. Existierten laut Statischem Bundesamt 1992 über 1800 der dualen Berufsschulen, waren es 2017/18 nur noch gut 1500. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung geht davon aus, dass es 2035 ein Fünftel weniger Berufsschüler geben wird als 2009. Die verbleibenden Azubis müssen immer weiter fahren.

Teilweise gibt es sogar bundesweit nur eine Berufsschule – momentan laut Kultusministerkonferenz bei 29 Berufen. Beispielsweise fahren alle angehenden Hörgeräteakustiker nach Lübeck, Gerber nach Reutlingen, Asphaltbauer nach Essen, Spielzeughersteller ins thüringische Sonneberg und Imker nach Celle. Pro Jahrgang besuchen dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zufolge etwa 2000 Auszubildende die sogenannten Bundesfachklassen.

Gegen lange Wege zur Berufsschule schlägt der Zentralverband des Deutschen Handwerks vor, Standorte mit zurückgehenden Schülerzahlen digital mit größeren Standorten zu vernetzen, um sie zu erhalten. Der ZDH sieht aber auch öffentliche Geldgeber in der Verantwortung, um den ländlichen öffentlichen Nahverkehr sicherzustellen. Er dürfe nicht zugunsten der stärker genutzten ÖPNV-Systeme in den Ballungsräumen ausgedünnt werden. Bisher hätten nur sechs Bundesländer ein Azubiticket analog zum Semesterticket bei Studenten eingeführt.

In Sachsen-Anhalt gärt Debatte um Azubiticket

In Sachsen-Anhalt wird seit langem über eine Einführung gestritten. Mitte August hatte die SPD-Fraktion im Landtag den Druck auf Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) erhöht. Sie forderte den Minister auf, schnell Mittel in seinem Haushalt einzuplanen. Die Sozialdemokraten schlugen vor, dass jeder der rund 26.000 Auszubildenden im Land für 50 Euro im Monat sämtliche öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann. Laut SPD würde das eine immense Entlastung bedeuten, da aktuell im Schnitt 100 Euro pro Monat für Fahrtkosten gestemmt werden müssten.

Der Vorschlag der Verkehrsministeriums sehe vor, dass das Ticket für alle Fahrten der Azubis gilt und nicht nur für die Berufsschulwege, so Webel. Die Azubis sollen einen Eigenanteil von 65 Euro leisten. Die Gesamtkosten würden bei rund 180 Euro pro Monat liegen, die Differenz sollen das Ministerium für Arbeit und das Ministerium für Bildung ausgleichen.