Nürnberg (dpa) l Lange schien die Lehrstellen-Welt nicht mehr so in Ordnung: Mit 512.000 Ausbildungsplätzen gab es im Juli nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) genauso viele wie Lehrstellenbewerber. Dennoch hatten zuletzt noch 150.000 Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. Trotz sinkender Schülerzahlen und einem weitgehend stabilen Angebot an Ausbildungsplätzen ist die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage groß. Das sind die wichtigsten Gründe, warum die Lage schwierig bleibt:

Regionale Unausgewogenheit: Ob jemand in seinem Traumberuf eine Lehrstelle findet oder schlechte Karten hat, hängt stark vom Wohnort des Bewerbers ab. Vor allem Berliner Schulabsolventen müssen laut Bundesagentur-Statistik sehr gute Noten haben oder zu Kompromissen bereit sein, wenn sie eine Lehrstelle finden wollen. Dort kamen Ende Juli auf 100 angebotene Lehrstellen 133 Bewerber. Ähnlich schwierig ist die Lage in Nordrhein-Westfalen, wo auf 100 Lehrstellen 127 junge Ausbildungsinteressenten kommen.

Mangelnde Mobilität: Wer dort dennoch an seinem Traumberuf festhält, dem bleibt laut Experten nur der Umzug – etwa ins boomende Bayern. Dort hatten Firmen Ende Juli den Arbeitsagenturen fast 100.000 Lehrstellen gemeldet. Zugleich suchten nur gut 77.000 junge Männer und Frauen dort einen Ausbildungsplatz – ein Verhältnis von 100 Lehrstellen auf 77 Bewerber. Auch Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland zählen zu den Bundesländern, in denen Bewerber auf ein Überangebot an Lehrstellen treffen. Die Bereitschaft von Schulabsolventen, wegen einer Lehrstelle umzuziehen, ist nach Erfahrungen der Bundesagentur allerdings nicht allzu groß.

Festhalten am vermeintlichen Traumberuf: In Deutschland gibt es 330 Ausbildungsberufe. Trotzdem kommt anscheinend für viele Jugendliche nur ein Dutzend Berufe infrage, wie die BA-Statistik zeigt. Dass es dort nur wenige Lehrstellen gibt, scheint sie wenig zu beeindrucken, wie beim beliebten Beruf Tierpfleger deutlich wird: Für die nur 295 gemeldeten Lehrstellen hatten sich Ende Juli 2650 junge Leute interessiert: Auf 100 Stellen kamen so statistisch 898 Bewerber. Weitere begehrte Ausbildungsberufe mit knappem Angebot: Einkaufs- und Vertriebsmitarbeiter, Veranstaltungs- und Mediengestalter, Raumausstatter und Buchhändler.

Unzureichende Qualifikation: Das ist zwar für die Bundesagentur ein „weicher Faktor“, der nicht erfasst ist. Trotzdem kennen viele Berufsberater das Problem: „Wenn einer mit schlechter Mathe-Note zur Beratung kommt und als Berufswunsch Informatiker angibt, dann wird ein guter Berater ihm klarmachen, dass es für ihn vielleicht nicht das Richtige ist“, sagt ein BA-Insider. Meist gelinge das. Schwieriger sei es bei Arbeitgebern. Da müsse man schon mal erklären, „dass man nicht immer einen Weltmeister bekommt, sondern auch mal einen Durchschnittssportler nehmen muss“.

Last-Minute-Entscheidungen: Ähnlich wie in anderen Lebensbereichen gibt es nach Beobachtungen der Bundesagentur für Arbeit auch bei der Berufswahl einen Trend zum Abwarten. „Manche Jugendliche zögern mit ihrer Entscheidung bis zuletzt, weil sie alternativ zur Lehrstelle etwa eine schulische Weiterbildung in Betracht ziehen“, berichtet ein Sprecher. Tatsächlich finden auch Spätentschlossene derzeit noch genügend unbesetzte Lehrstellen. Allein in der Gastronomie waren Ende Juli bundesweit noch rund 14.000 Ausbildungsplätze frei, 21.000 im Handel und 3300 in der Kunststoffverarbeitung. Die Auswahl für junge Leute ist also sehr groß.