Magdeburg/Aschersleben l Beim finanziell angeschlagenen Werkzeugmaschinenbauer Schiess aus Aschersleben (Salzlandkreis) stellen sich die Beschäftigten auf den Ernstfall ein: mindestens 170 Mitarbeiter könnten zum 1. April ihre Kündigung erhalten – wenn das Unternehmen nicht in buchstäblich letzter Sekunde eine Lösung präsentiert.

„Die Mitarbeiter sind verzweifelt und wütend“, sagt Betriebsratschef Frank Seifert. Über die Pläne der Geschäftsführung hatte Seifert seine Kollegen vor drei Tagen informiert. Er fühlte sich zuletzt allein gelassen. „Der Eigenverwalter hat im stillen Kämmerlein gearbeitet, zu uns ist nichts durchgedrungen.“

Schiess war 2004 von dem chinesischen Konzern Shenyang Machine Tool Group übernommen worden. Im Januar hatte die Geschäftsführung einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung stellen müssen. Vom chinesischen Gesellschafter wurde ein Restrukturierer eingesetzt. Das Ziel: Sich bei laufendem Betrieb zu sanieren und neu aufzustellen. Ein Sachwalter überwacht den Prozess.

Berater Robert Tobias ist seit diesen Tagen bei Schiess als Generalbevollmächtigter tätig. Er verhandele noch immer mit Investoren. Es gebe jetzt Voraussetzungen, um im April eine „langfristige Lösung zu verhandeln“, so Tobias. Die Messe sei noch nicht gesungen, sagt er. So gut wie sicher: Eine Entscheidung bis zum 1. April wird es nicht geben. Doch der Betrieb soll weitergehen, auch um verkaufsfähig zu bleiben.

Berater der Arbeitsagentur verständigt

IG Metall und Betriebsrat hatten dem chinesischen Eigentümer und der örtlichen Geschäftsleitung schon länger Missmanagement vorgeworfen. Sie hatten von der Eigenverwaltung den Erhalt der Arbeitsplätze und des Maschinenbaustandortes in Aschersleben gefordert.

Jetzt sieht Axel Weber, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Magdeburg-Schönebeck, nur noch eine kleine Restchance für die Schiess-Beschäftigten. Auch Weber befürchtet, dass in der kommenden Woche die Ausproduktion angekündigt werde.

In diesem Fall könnten 35 Mitarbeiter bleiben, um restliche Aufträge abzuarbeiten. 170 Freistellungen erwartet Betriebsratschef Seifert dennoch. Ein Berater der örtlichen Agentur für Arbeit hat sich laut Seifert für diesen Fall schon im Betrieb angekündigt.

Hoffnung auf Haseloff gesetzt

Hoffnung setzen Betriebsrat und IG Metall noch in Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Den hatten sie um Hilfe gebeten. Ein Treffen in dieser Woche sei sehr konstruktiv verlaufen, sagt Frank Seifert. Haseloff will mit einem Brief an Gesellschafter und Eigentümer appellieren, den Beschäftigten eine Perspektive zu ermöglichen. Schiess sei ein arriviertes Unternehmen und sei wichtig für den Standort Sachsen-Anhalt – das wolle man unterstreichen, heißt es vom Regierungssprecher.

Das 1857 gegründete Unternehmen baut große Werkzeugmaschinen wie etwa Portalfräsmaschinen, die riesige Metallteile bearbeiten können. Kunden kommen weltweit aus der Schwerindustrie, Luft- und Raumfahrt sowie dem Maschinenbau. Die Schiess GmbH machte laut Bundesanzeiger im Jahr 2016 einen Umsatz von gut 54 Millionen Euro und einen Gewinn nach Steuern von rund 303.000 Euro.