Wust l  Und das bei für dieses hohe Alter recht guter Gesundheit. Nur die Beine wollen sie nicht mehr tragen, aber der Rollstuhl macht Mobilität möglich. So kann sie auf der Terrasse des Hauses sitzen und ihrer Tochter Elfriede, mit der sie zusammen lebt, bei der Gartenarbeit zusehen, es geht auf Spazierfahrten Richtung Kirche oder Sportplatz. Und hin und wieder auch zu besonderen Veranstaltungen für Senioren. Beim nächsten Treff am kommenden Mittwoch gibt die Hundertjährige eine Geburtstagslage aus.

Damit auch sonst im Alltag keine Langeweile aufkommt, spielt sie täglich mit ihrer Tochter Karten, sie löst Kreuzworträtsel, liest Zeitung, „das hält den Kopf fit“.

Deshalb kann sie sich an die Stationen in ihren 100 Lebensjahren noch gut erinnern:

Helfen auf dem Bauernhof

Geboren am 5. Oktober in Sydow, wächst sie hier mit ihren Geschwistern der Familie Wirtz auf. Unbeschwert ist die Kindheit nicht. Früh muss sie – wie das früher üblich war – im elterlichen Landwirtschaftsbetrieb helfen. Schon mit acht Jahren passt sie auf die kleinen Kinder der Sydower Bäckerfamilie Wegener auf, übernimmt auch das Austragen der Brötchen im Dorf – mit der Kiepe auf dem Rücken zieht das Mädchen von Haus zu Haus. Das Hüten der Gänse zählt auch zu ihren Aufgaben. Die Schule beendet, arbeitet Elli auf dem elterlichen Hof mit. 1940 bringt sie ihre erste Tochter zur Welt. Die Hebamme aus Zollchow fragt so ganz nebenbei, ob sie nicht auch Hebamme werden und ihre Stelle übernehmen möchte. Ja, das konnte sich die junge Frau sehr gut vorstellen! Also macht sie in Magdeburg eine Ausbildung und betreut fortan die werdenden Mütter rund um Sydow. Mit dem Fahrrad und später mit dem Moped ist sie unterwegs. Bis Anfang der 60er Jahre die Landhebammen abgeschafft werden – Geburten finden fortan im Krankenhaus statt. Elli Reim, die 1949 ihren Mann Gerhard Reim kennenlernt und heiratet, hat zu dem Zeitpunkt schon selbst sechs Kindern das Leben geschenkt: 1940 Helga, 1943 Renate, 1947 Joachim, 1950 Elfriede, 1951 Siegfried und 1952 Monika. Die Ältesten sind schon aus dem Haus, als Reims von Sydow nach Havelberg umziehen. Im Krankenhaus der Domstadt arbeitet sie quasi rund um die Uhr im Kreißsaal. Sie führt genau Buch über die Geburten: 2700 sind es, als Elli Reim 1979 in den Ruhestand geht.

2700 Kindern auf die Welt geholten

In Havelberg, wo quasi jeder die freundliche Hebamme kennt, fühlt sie sich auch als Rentnerin wohl. Doch kann sie, inzwischen verwitwet, irgendwann nicht mehr allein leben. Tochter Elfriede Kodat holt sie zu sich nach Rathenow. Nach der Wende zieht es sie in die Heimat zurück. In Wust werden sie sesshaft, seit 2016 leben sie in einem neu gebauten Eigenheim im Fontaneweg.

Die große Familie mit allen Kindern, den neun Enkeln, elf Urenkeln und zwei Ururenkeln um sich zu haben, ist das schönste Geschenk zum 100. Geburtstag. Dann wird auch ein „Eierlikörchen“ getrunken.

Elli Reim blickt zufrieden auf ihr arbeitsreiches Leben mit so vielen zumeist glücklichen Momenten zurück. Und sie ist dankbar, dass sie den Lebensabend zu Hause im Kreise der Familie, die gern zu Besuch kommt, verbringen kann.