Berlin (dpa) - Heute ist es ein beliebtes, bunt gemischtes Stadtviertel in Venedig - es gibt "Gefilte Fisch" neben dem italienischen Eisladen, ein koscheres Restaurant neben dem neapolitanischen Pizzabäcker. Doch für Jahrhunderte war die winzige Insel im Herzen der Lagunenstadt ein Ort der Verfolgung und Unterdrückung.

Der deutsch-französische Kulturkanal Arte zeichnet in seinem Doku-Drama "Venedig und das Ghetto" die Geschichte der Juden in der italienischen Handelsmetropole nach (Samstag, 20.15 Uhr). Viele stammten ursprünglich aus Deutschland.

Gut 500 Jahre ist es her, dass die Republik Venedig am 29. März 1516 ein einschneidendes Dekret erließ. Angesichts einer zunehmend antisemitischen Stimmung in der Stadt verbannte sie alle Juden in ein heruntergekommenes Areal, in dem diese künftig strikt getrennt von der übrigen Bevölkerung leben mussten.

Einst hatten hier die ungeliebten Kupfergießer gearbeitet. Nach dem italienischen Wort geto für "Guss" hieß das Viertel deshalb traditionell "ghetto". Und auch, wenn es schon seit der Antike vielerorts abgesonderte Wohnbezirke für Juden gegeben hatte, setzte sich seither das Wort weltweit als Synonym für Ausgrenzung und Isolierung jüdischer Mitbürger durch.

In dem 90-Minuten-Film des österreichischen Dokumentarregisseurs Klaus T. Steindl ("Die Vampirprinzessin") wird das Schicksal der venezianischen Juden anschaulich und eindringlich nacherzählt. Gegen die Bilder der fast kitschig schönen Stadt von heute sind Eindrücke vom damaligen Elend, von Not und Armut gesetzt. Historiker, Kulturschaffende und Bewohner geben Auskunft, in aufwendigen Kostümszenen wird die bedrückende Atmosphäre von damals wachgerufen.

Die Juden lebten auf engstem Raum zusammen, zeitweise bis zu 5000 Menschen. Die drei Tore zu ihrem Ghetto wurden nachts geschlossen und strengstens bewacht. Wer tags in die Stadt wollte, musste zur Erkennung eine rote oder gelbe Mütze tragen. Für den Lebensunterhalt waren nur Berufe erlaubt, die sonst niemand machen wollte: Messerschleifer, Kesselflicker, Gebrauchtwarenhändler - und vor allem Geldverleiher, denn Christen durften keine Zinsen von ihren Mitmenschen nehmen.

Nach drei Jahrhunderten der Unterdrückung erhalten die Juden erst 1797, bei der Eroberung Venedigs durch Napoleon Bonaparte, ihre Freiheit zurück. Doch auf eine Ära von vorübergehender Gleichberechtigung folgt mit der NS-Herrschaft die dunkelste Zeit der Geschichte. 246 Juden werden von den deutschen Besatzern deportiert - nur acht von ihnen kehren zurück.

Heute zählt die jüdische Gemeinde rund 450 Mitglieder, über die ganze Stadt verstreut. Gleichwohl ist das Ghetto mit seinen fünf Synagogen und dem großen Campo in der Mitte an Feiertagen ein wichtiger Treffpunkt. Heute, sagt Regisseur Steindl, sei das Viertel "ein Ort der Identität von Juden, aber auch ein Ort der Durchmischung - Venedig eben".

Filmseite des Senders