Magdeburg l Mehr als drei Meter hoch und über zwei Meter breit ist die Textilapplikation „Eine Wand ist eine Wand ist eine Wand“ von Helga Borisch. Vor zehn Jahren wurde das Großwerk zuletzt in einer Ausstellung gezeigt, jetzt hat die Künstlerin ihre Applikation wieder aus dem Schrank im heimatlichen Atelier geholt. Die 1987 entstandene Arbeit hängt nun seit einigen Tagen in der Klostergalerie Zehdenick (Landkreis Oberhavel/Brandenburg) in einer Ausstellung. „Hinter/Vor und Nach der Mauer“ ist der Titel.

Dort zeigen 30 Künstlerinnen ihre Blickwinkel auf den Mauerfall am 9. November 1989. Galeriechef Jörg Zieprig hat dafür auch Künstlerinnen aus Korea und Israel geladen, weil auch die Menschen dieser Länder einschlägige Erfahrungen mit Mauerbauten haben. Aus Magdeburg sind Anne-Rose Bekker und Helga Borisch vertreten.

Die Applikation von Helga Borisch ist nicht neu, aber erstaunlich aktuell. 1987 war sie entstanden als Wettbewerbsbeitrag für eine Triennale in Lausanne. „Zelebrierung der Wand“ war damals das vorgegebene Thema. Borisch hat sich lange mit dem Thema auseinndergesetzt, spricht von einer Fülle an Assoziationen, die erst in ihre Entwürfe, dann in die zeitaufwendige Textilarbeit eingeflossen sind. Eine Inspiration kam von John-Paul Sartre, dem Philosophen der Freiheit.

Der große Intellektuelle hat die Künstlerin stark beeinflusst mit seiner Erzählung „Le mur“, die 1939 entstanden war und 1950 unter dem Titel „Die Mauer“ in der DDR veröffentlicht wurde. Sartre schrieb darin über einen Verurteilten in der Franco-Zeit und seine letzte Nacht vor der Hinrichtung. „Der Betroffene denkt den Alptraum: Sich in die Wand zu verziehen, aber die Wand im Rücken wird nicht nachgeben“, sagt Borisch. Auch Shakespeare, der chinesische Philosoph Laudse und ein javanisches Schattenspiel waren Inspirationsquell. Und so findet man in Borischs Arbeit jede Menge Ideen rund um die Wand: Sie zeigt eingemauerten Menschen Grenzen auf oder erzählt von dem Lauscher, allgegenwärtig in der DDR, in der Wände Ohren hatten.

In Lausanne aber wurde ihre Arbeit nicht gezeigt. Die Ausstellungs-Premiere gab es 1988 im polnischen Lodz zur Internationalen Textil-Triennale. Künstler aus 50 Ländern waren damals vertreten. Seitdem war die Arbeit „Eine Wand ist eine Wand ist eine Wand“ nur selten zu sehen. Borisch freut sich, dass sie jetzt zum Mauerfall wieder zu sehen ist. Und der Titel mit seiner Doppelung? Die Magdeburgerin erzählt von Gertrud Stein, einer amerikanischen Schriftstellerin, die im Winter 1905/1906 etwa 90 Porträt-Sitzungen bei dem von Borisch hochverehrten Malerstar Picasso über sich ergehen ließ. „Dieser Wahlspruch wurde gewissermaßen durch den Prozess einer Ideensuche abgewandelt“, sagt Borisch.

In der Klostergalerie Zehdenick nun hängt die Großarbeitbis zum 27. Januar. Geöffnet ist die Ausstellung „Hinter/Vor und Nach der Mauer“ mittwochs is sonntags 13 bis 17 Uhr.

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