Skandinavisches Programm im Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie unter Leitung von Anu Tali Belauschte Vogelgespräche und umjubelte Flöten-Kaskaden
Magdeburg l Es war ein fantastisches Konzert. Und es war ein Wiedersehen und -hören mit der estnischen Dirigentin Anu Tali. Mit finnischer und dänischer Musik entführte sie gemeinsam mit der Magdeburgischen Philharmonie diesmal die Konzertbesucher nach Skandinavien. Ein Debüt in Magdeburg gab dabei der Solo-Flötist des Radio-Symphonieorchesters Wien, Kammermusiker und Professor Erwin Klambauer - ein außergewöhnliches Erlebnis.
Doch zunächst geriet man durch "Cantus Arcticus" op. 61 des noch lebenden und nach Jean Sibelius zweiten bekannten finnischen Komponisten Einojuhani Rautavaara in eine Art Naturtrance. Untertitelt ist das 1972 entstandene Werk mit: Konzert für Vögel und Orchester. Und spätestens da erahnt man, wie wohl die Vögel im Konzertsaal zu Wort kommen könnten.
Die dreisätzige Komposition avancierte nicht nur aufgrund der einzuspielenden, am Polarkreis und den Sümpfen Nordfinnlands per Tonband aufgenommenen Vogelstimmen zum musikalischen Bestseller. Vielmehr bestach es durch seine raffiniert aufbereitete Einfachheit innerhalb der vielschichtigen mystischen Formspiele und sich verwandelnder Klangteppiche mit einem märchenhaft neoromantischen Ton, dem man sich nicht entziehen konnte. Dafür sorgten ein fesselndes fließendes Flötenduett, lange metrisch gehaltene Klarinetten- und Flötentriller, die Vogelstimmen aus dem Off, seufzende Rufe der Oboe, Trompeten und Posaune, Vogelquaken zu Hörnern und Fagott, Melancholie von tiefen Streichern, Stereoeffekte der Vogelstimmen, ein maßvolles Orchester-Crescendo mit den Klängen von Singschwänen, die schließlich jedoch in die Ferne zogen - Musik als Filmsoundtrack der Naturbilder.
Von hochromantischer bis kämpferischer Stimmung
Im folgenden Konzert des dänischen Carl Nielsen stand die Querflöte nun als Soloinstrument im Mittelpunkt. Anders als sein skandinavischer Zeitgenosse Jean Sibelius mit dessen introvertierter grüblerischer Kunst, war Carl Nielsen ein extrovertierter und vitaler Musiker. Seine extensive Harmonik, gelegentlich an die Grenzen der Tonalität gehend, seine simplen melodischen Gebilde als Ausgangspunkt von sich wandelnden polyphonen und rhythmischen Umformungen brachte der österreichische Solist Erwin Klambauer auf eine äußerst beeindruckende Art plastisch zutage. Von hochromantischer bis kämpferischer Stimmung, weichem bis scharfem Flötenklang, unprätentiösen und lyrischen Melodielinien bis zu kaskadenartiger Virtuosität - all das trug seine Flöte sehr präsent.
Hinzu kamen die bezaubernden kammermusikalischen Differenzierungen im Zusammenspiel mit dem Orchester: Zwiesprache mit Klarinette, später mit Fagott oder gedämpfter Viola, selbst in Klambauers Solokadenzen mischten sich die Bläser interessanterweise ein. Auch die Dirigentin Anu Tali bewies hier sehr klare Klang- und Dynamikvorstellungen und animierte die Magdeburgische Philharmonie stellenweise deutlich zu dezenter Begleitung. Effektvolle expressive Ausbrüche im Orchester, verspielte oder teuflische Läufe der Soloflöte mit eingeworfenen Posaunenglissandi, schnelle Dynamikwechsel und ein schließlich versöhnlicher und beruhigter Ausklang des attraktiven Konzertes gaben Bravos und begeistertem Applaus beim Publikum freien Lauf.
Mischung aus Zurückhaltung und impulsgebender Dominanz
Gekrönt wurde dieser Konzertabend mit Sibelius\' beliebter 2. Sinfonie D-Dur op. 3. Ob ihres emphatischen Orchesterklanges und grandiosen Finales in Finnland mit dem Kampf des Landes um seine Unabhängigkeit von Russland verbunden, hielt sich ihr Mythos als "Sinfonie der Unabhängigkeit" lange. Anu Tali und die Magdeburgische Philharmonie kosteten aus, was der gereifte Sibelius an Spätromantik hier noch einmal auffuhr. Tänzerisch-pastorale Holzbläser, energische Triolenfiguren in den Streichern oder große Linien und pathetisch aufgeladene Episoden. Leidenschaft und Pathos hielt Anu Tali dabei angemessen im Zaum. Bewundernswert wieder ihre gesunde Mischung aus Zurückhaltung und impulsgebender Dominanz. Bravo!