Magdeburg/Berlin l Ute Gliwa ist nicht nur Chefredakteurin und Mitherausgeberin des Séparée's, das derzeit einzige deutsche Erotikmagazin für Frauen, sondern auch eine ambitionierte Buchautorin. Im Interview spricht die 46-Jährige aus Berlin über ihr aktuelles Werk "Alberta und ihre Männer":

Frau Gliwa, wann und wie sind Sie denn zum Schreiben gekommen?
Ute Gliwa:
Gerne geschrieben habe ich schon als Kind. Es war mir schon immer ein Bedürfnis, mir Geschichten auszudenken und aufzuschreiben. Ich habe auch schon immer viel gelesen, nur ganz am Anfang Kinderbücher, sehr bald aber schon richtige Erwachsenenliteratur. Meinen ersten Romanversuch habe ich mit 16 noch mit der Hand geschrieben. Der erste „richtige“ Roman, „Linksverkehr“, der inzwischen auch veröffentlicht ist, kam mit Mitte 20.

Aber am Anfang haben Sie bestimmt noch nicht über Lust, Sexualität und weibliche Selbstbestimmung geschrieben.
Doch, tatsächlich habe ich auch das, Lust und Weiblichkeit haben mich offenbar schon als Kind fasziniert, auf kindliche Weise natürlich. Ich hätte das damals nicht so benennen können. In der dritten Klasse habe ich mir mit zwei Freundinnen „Berichte“ zu durchaus sexuellen Themen ausgedacht, die haben wir in einem kleinen Schulheft zusammengeschrieben und selbst Bilder dazu gemalt. Mein erstes Erotikmagazin quasi. Ich bin zum Glück sehr frei und ohne falsche Schamhaftigkeit groß geworden.

Bilder

Wird in "Alberta und ihre Männer" kein Blatt vor den Mund genommen?
Alberta ist eine erwachsene, selbstbewusste und lustvolle Frau, die sich zwischen zwei Männern entscheiden soll und auch denkt, das zu müssen. Natürlich geht es dabei auch um Sex, und, ja, der wird im Roman auch nicht ausgespart oder prüde umschrieben. Alberta ist im Zwiespalt. Auf der einen Seite ist dort Daniel, zu dem sie eine emotionale Liebe bindet. Auf der anderen Seite gibt es Serge, der zunächst nur eine körperliche Anziehungskraft bildet, für den sie im Verlauf der Geschichte aber auch Gefühle entwickelt.

Ein weit verbreitetes Dilemma?
Ja, eben. Aber warum muss es ein Dilemma sein, zwei Partner zu lieben? Wir gehören einer Generation an, die zum größten Teil noch mit klassischen Rollenbilder aufgezogen wurde, aber wir merken, dass diese Rollen nicht mehr funktionieren und auch nicht mehr gewollt sind. Wir kennen die Beziehungen unserer Eltern und Großeltern, aber wollen wir in ebensolchen Beziehungen leben? Wir sind die Generation, die gerade auf der Suche nach Alternativen ist. Das müssen wir uns jetzt mangels Vorbildern erst selbst zusammenbasteln und ausprobieren. Das ist nicht einfach, denn wir sind gefangen in diesem romantischen Bild von der ewigen Liebe. Darum geht es auch in dem Buch: Wie man seine eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen mit denen der anderen, und womöglich noch der Gesellschaft, in Einklang bringen kann.

Also vorerst kein "klassisches" Beziehungsmodell mehr?
Ich bin im Hinblick auf die Frage selbst noch nicht an einem Ziel - wenn es denn überhaupt ein Ziel gibt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist jedenfalls ein sehr interessanter Prozess, an dem man nur wachsen kann. Wegzukommen von diesem Einseitigen, dass es nur diesen einen Menschen gibt, der ein Leben lang alles für einen ist. Das ist eben relativ unwahrscheinlich, weil man so viele Entwicklungsmöglichkeiten hat. Früher war das vielleicht einfacher, weil die Frauen dann oft an dem Haushalt und die Kinder gebunden waren und vielleicht gar nicht die Chance hatten, sich weiter zu entwickeln. Heutzutage ist das ganz anders: beide Partner entwickeln während der Beziehung, auch und nicht zuletzt sexuell, und dass man sich über viele Jahre in die gleiche Richtung entwickelt, ist tatsächlich relativ unwahrscheinlich. Insofern muss man sich damit auseinandersetzen, was einem wichtig ist, woran man eine Beziehung fest macht. Ob es dann so etwas wie emotionale Treue ist, die einen an den Partner bindet und man die sexuelle Treue davon trennt und sagt: mit jemandem anderen eine schöne Nacht verbringen, das ist wie mit jemandem ein Gespräch führen oder essen gehen - das macht man ja auch sein Leben lang nicht nur mit einer Person.

Auch ein gesellschaftlich interessantes Thema. Meinen Sie, viele Frauen können sich gut mit Alberta identifizieren?
Definitiv! Ich glaube diese Problematik erfahren viele Menschen – nicht nur Frauen - früher oder später im Leben. Selbst wenn es vielleicht nicht immer zum Ausleben kommt, sich mit diesen Gedanken zu beschäftigen, ich glaube das haben fast alle an irgendeinem Punkt.

Das "Separee"-Magazin wird ja beispielsweise auch viel von Männern gelesen. Was könnte die Herren reizen, auch zum Roman zu greifen?
Es herrscht ja leider immer noch die landläufige Meinung vor, dass Männer eine größere, stärkere Libido (An.d.R.: vereinfacht gesagt der Sexualtrieb oder das sexuelle Verlangen) haben und mehr zu Seitensprüngen neigen als Frauen. Was absoluter Quatsch ist. Frauen haben mindestens das gleiche sexuelle Bedürfnis, oft sogar ein viel größeres, nur stellen sie sich gegebenenfalls geschickter an, sodass die Seitensprünge unbemerkt bleiben, oder sie verbieten sich das Fremdgehen, weil sie meinen, sich die Befriedigung ihrer Lust nicht einfach herausnehmen zu dürfen. Männer sind in der Sache oft einfach nur rücksichtsloser auf ihre Umwelt. Es ist also für Männer insofern interessant zu lesen, dass Frauen auch Probleme mit der Monogamie haben. Und zu sehen, wie eine Frau damit umgeht. Außerdem macht es einfach Spaß zu lesen, nicht nur die „Stellen“, es ist insgesamt ein sehr lustvolles, lebensbejahendes Buch.

Auf Ihrer Internetseite ist von einem neuen Buchprojekt zu lesen. Geht es thematisch in eine ähnliche Richtung?
Es geht auch dort um Weiblichkeit, aber es ist vielschichtiger und weniger sexuell. Das Buch spielt vor etwa hundert Jahren, es ist eine Mischung aus Familien- und Einwanderergeschichte. Wann es erscheint, kann ich aber noch nicht sagen.

Der Roman "Alberta und ihre Männer" ist beim Konkursbuch-Verlag erschienen. Zu kaufen ist das Buch unter anderem bei Amazon oder auf bücher.de.