Leipziger Buchmesse

Friedrike Mayröckers mitreißender Strom der Erinnerung

Über 100 Bände hat die Lyrikerin bereits veröffentlicht. Ihr jüngstes Werk zeugt von Zerbrechlichkeit und strotzt doch von Kraft.

Von Albert Otti, dpa
Friederike Mayröcker (2020).
Friederike Mayröcker (2020). Herbert Neubauer/apa/dpa

Wien - „Ich bin noch jung in meinen Träumen, in meinen Träumen bin ich high“, schreibt Friederike Mayröcker in ihrem jüngsten Buch.

Als sie diese Zeilen im Sommer 2019 zu Papier brachte, war die Grande Dame der deutschsprachigen Dichtkunst 94 Jahre alt. In dem Band „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ zeigt sie noch einmal, welche Kraft in ihr und in ihrer Sprache steckt. Für diesen Strom an Erinnerungen und ineinanderfließenden Assoziationen ist die nunmehr 96-jährige österreichische Autorin für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Er wird am Freitag verliehen.

Eine Erzählung oder auch nur den Hauch einer Handlung sollte man von Mayröcker nicht erwarten. „verehrte Lauscher und Lauscherinnen versuchen Sie nicht das Geheimnis dieses Textes zu lüften“, schreibt sie. Was auf den ersten Blick wie Prosa aussieht, entfaltet sich zu einem 200 Seiten langen poetischen Werk, für das die Dichterin das Mischwort „Proem“ benutzt.

An einer anderen Stelle verrät Mayröcker aber doch, um was es geht: „ach um ein lg. Leben es geht um den Knall den Knall der Verliebtheiten, Vergeblichkeiten, Phantasien Tagträume“. Im Buch finden sich intensive Erinnerungen an ihre Eltern und viele künstlerischen Weggefährten - allen voran ihr verstorbener Lebensgefährte, der Dichter Ernst Jandl. Dabei tauchen unvermittelt immer wieder erschreckend schöne Sätze auf, nach denen man kurz den Atem anhält: „blaues Äderchen im inneren Handgelenk da wo Mutter sich zu töten versuchte“.

Mit ihren langen schwarzen Haaren, Stirnfransen und ihrer dunklen Kleidung strahlt Mayröcker auf Fotos Coolness und Urbanität aus. In ihren Texten zeigt sie sich völlig anders. Mayröcker erzählt, dass sie sehr oft weint, und sie teilt ihre Liebe zu Blumen und anderen Pflanzen, die ihren Text durchwuchern: tropfende Glyzinien, eine zerschmetterte Schneerose, oder eine Eibe, die sich in die Ecke eines Hofes drückt. „es blühete dergleichen : er blühete mir die Bude voll,“ schreibt sie.

Genauso lebendig erinnert sich Mayröcker an Liebe, Jugend und vergangene Sommer: „indes die Waldküsse, die untergehende Sonne, die sich im Wasser spiegelten, ich meine man legte die Kleider einfach unter die Büsche ehe man in die Fluten .....“

Mayröcker beklagt aber auch ihre zunehmende Gebrechlichkeit und Vergesslichkeit. Sie notiert, dass sie kaum mehr die Titel all ihrer Bücher weiß - angesichts ihrer mehr als 100 veröffentlichten Bände ist das allerdings verständlich. Im Jahr 1956 debütierte sie mit „Larifari. Ein Konfuses Buch“. Seitdem ist sie vielfach für ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Georg-Trakl-Preis (1977) und dem Georg-Büchner-Preis (2001). Auch für den Literaturnobelpreis war sie im Gespräch.

Nun bezeichnet sich Mayröcker als „Debütantin des Todes“ und sieht das Unausweichliche. „Wird die Sprache mich retten wird die Poesie uns allesamt Retten vor dem Unheil unserer Zeit“, fragt sie. Möglich wärs, denkt man nach der Lektüre dieses Buches.

- Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete, Suhrkamp, 201 Seiten, ISBN 978-3-518-22515-8, 24,00 Euro.