Magdeburg l Tölpel, diese stattlichen Vögel, sind gewandt in der Luft und voller Mut bei ihren halsbrecherischen Sturzflügen ins Meer. Putzig anzusehen sind aber ihre Tänze in der Balz, um das richtige Mädchen für sich zu finden. Man bleibt sich dann zeitlebens treu.

Petkowitsch, der Ich-Erzähler im autobiografisch grundierten neuen Roman „Liebestölpel“ (Galiani Verlag) des Berliner Schriftstellers und einstigen Magdeburger Stadtschreibers Peter Wawerzinek, hat nicht viel mit diesen Tieren gemein. Weder gewandt noch stattlich ist er, und mit der Treue ist es auch ganz schwierig. Der Titel spielt eher auf einen Tollpatsch an, einen täppischen Menschen, dem nichts so wirklich gelingen mag, vor allem nichts in der Liebelei.

Eltern flohen in den Westen

Schon sein Opa warnt ihn: „Die Liebe, ach Junge, besser, du lässt die Finger davon!“ Er bringt die Trottellummen ins Spiel, die nicht nur beim Landeanflug ungeschickt wirken, sondern deren Beziehungsverhalten nicht ganz einfach wäre. Eben so wie bei Petkowitsch. Wawerzineks Alter Ego ist anfangs ein verschrecktes Kind, das im Heim aufwachsen muss, ohne Liebe durch Mutter und Vater. Die hatten sich in Wawerzineks wirklichem Leben in den Westen aufgemacht.

Verlassensein und Muttersehnsucht sind Wawerzineks Trauma, das in seinen Werken - ob in der Literatur oder jüngst in seinem in Magdeburg gezeigten Filmdebüt – sichtbar wird.

„Wir bleiben, was die Fähigkeit zur Liebe angeht, abgemagert“, schreibt der Schriftststeller und meint sich und Lucretia, auch ein Heimkind wie er. Sie ist seine erste große Liebe. Er, der Spätzünder, der Signale von Mädchen anfangs einfach nicht zu empfangen vermag, verfällt mit Haut und Haaren ihrer Anziehungskraft. Doch sie trifft sich erst mit dem Fleischergesellen, dann mit anderen Männern. Immer verschwindet sie aus dem Leben von Petkowitsch. Er kann sie nicht festhalten. Sie entrinnt ihm und er leidet. „Das Schreiben ist das einzige Handwerk, das mich befähigt, dem Alltag zu entfliehen und nicht in ihm zu versinken.“

Der filigrane Wortspieler

Und so schreibt Wawerzinek wie schon in seinen ebenso Vogelnamen tragenden Romanen „Rabenliebe“, für Textauszüge wurde er 2010 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, und „Schluckspecht“ voller Ehrlichkeit aus seinem wechselhaften Leben. Er wird nicht müde, aufzuarbeiten, was ihn umtreibt und geprägt hat: Die Flucht der Mutter aus seinem Leben und die tief sitzende Angst des Alleingelassenwerdens. Diese Angst ist Wawerzineks Thema im Abschluss seiner Lebens-Trilogie. Wie schon in den Vorgängerbüchern ist er ein filigraner Wortspieler. Wer seine Prosa liest, kann sich ein klein wenig ausmalen, wie der Schreiber feilt und akribisch arbeitet, ehe der Text auf den Leser losgelassen wird. Geschliffen sind die Zeilen, wie mit Schmirgelpapier bearbeitet. Nur noch im Leben seines Petkowitsch gibt es Ecken und Kanten und die bleibende Hoffnung auf die Liebe, die, so Wawerzinek, „auch eine Wanderung durch Wind und Sturm“ ist.

Peter Wawerzinek ist am 9. Oktober 2019, 20 Uhr, im Rahmen der Neuen Mittwochsgesellschaft und der Magdeburger Literaturwochen zu Gast im Forum Gestaltung Magdeburg. Voranmeldungen im Literaturhaus, Tel. 0391/4044995 oder im Forum Gestaltung, Tel. 0391/99087611. Eintritt: 8 Euro.