Wernigerode l Zehntausende Menschen zieht es Jahr für Jahr auf das Schloss hoch über der Stadt, das dank seiner märchenhaft anmutenden, markanten Architektur und seiner faszinierenden Innenräume weithin bekannt ist. Aber nur wenige wissen um die schicksalhafte Geschichte der Bibliothek, die noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als eine der bedeutendsten Privatbibliotheken im nord- und mitteldeutschen Raum galt.

Die wertvolle, einst mehr als 120.?000 Bände umfassende Sammlung erlebte mit den 1920er Jahren den Beginn eines Niedergangs. Allein um die 35.000 Bände hat der Berliner Antiquar Martin Breslauer (1871–1940) im Auftrag der Eigentümer veräußert. Später gingen zahlreiche weitere Bücher verloren, allein mehrere Zehntausend wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Russland abtransportiert. Die verbliebenen Bestände gingen 1948 in den Besitz der Landes- und Universitätsbibliothek des Landes über. Erst 2013 kam es zur Restitution an die Erben.

Jetzt nun konnte die Schlossbibliothek durch einen bedeutenden Ankauf erweitert werden. Christian Juranek, Geschäftsführer der Schloß Wernigerode GmbH, war am Montag zur öffentlichen Präsentation die Freude darüber anzusehen. Er betonte, dass die zurückgekehrten Bände nicht nur einen Querschnitt der einstigen Bibliothek darstellen würden, sondern auch höchst seltene Exemplare seien, die sonst kaum noch an anderen Standorten nachweisbar wären.

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Internationaler Geist in Wernigerode

„Es handelt sich nicht um eine typische Adelsbibliothek des 18. Jahrhunderts“, so Juranek, die es zu Hunderten gegeben habe und in deren Beständen es sich hauptsächlich um Kameralistik, Forstwissenschaft, Regionalia drehte. „Diese Bibliothek in Wernigerode atmete internationalen Geist“, sagte er.

Graf Wolf Ernst zu Stolberg (1546–1606) begründete 1569 die Sammlungsgeschichte des Hauses und legte mit 4000 Bänden den Grundstock. Unter Graf Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode (1691–1771) erlebte die Bibliothek, die er – ganz im Sinne der Aufklärung – öffentlich zugänglich machte, einen gewaltigen Aufschwung. Juranek spach von einer „ausgeklügelten Sammlungstätigkeit“. Buchagenten waren überall auf der Welt tätig. Insbesondere seine Bibel- und Gesangbüchersammlung hatten eine herausragende Bedeutung. Er hat sofort gesammelt, wenn Bibeln in eine fremde Sprache übersetzt worden sind – sorbische, indische, grönländische Bibeln gehörten zum Bestand. In den 1920er Jahren galt die hymnologische Spezialbibliothek als die größte ihrer Art.

So sind es denn auch viele Bibeln, die zurückkehren wie die „Biblia Germanica“ von 1702, kunstvoll in Leder und Holz eingebunden. Es ist der letzte Band eines Schlesinger Bibel-Werkes, von dem es laut Juranek nur noch zwei Exemplare in Deutschland gibt. Zu den Erwerbungen gehört auch die erste sorbische Bibel, erschienen 1728, mit doppelsprachigem Titelblatt. Eine weitere bibliophile Rarität ist der Sammelband zur „Jenaer Christnacht-Tragödie“ von 1716, der schon die Spannweite der Ankaufspolitik des Grafen zeigt.

Unterschiedliche Themenbereiche

In seiner Bibliothek wurden Interessierte in vielen, sehr unterschiedlichen Themenbereichen fündig: Astrologie, Bergbau, Technik bis hin zur Historie der Reisen zu Wasser und zu Lande mit Elefanten auf einem kunstvoll gestalteten Buchcover.

„In der Zusammenschau von Architektur, Interieur und Wissensträgern wie den Büchern erschließt sich der Kosmos des Harz-Schlosses jetzt wieder“, sagte Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder. Die Stiftung war am Erwerb der Bücher mit 13?.000 Euro beteiligt. Sie förderte gemeinsam mit der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, der Gesellschaft der Freunde des Schlosses und der Schloß Wernigerode GmbH. Über die Gesamtkosten wurden keine Angaben gemacht.

Der historische Bücherschatz ist beim Rundgang durch das Schloss zu sehen.