Magdeburg l Eine Frau sitzt im Rollstuhl, sie hält einen grünen Luftballon in der Hand und strahlt. Der Mann neben ihr das ganze Gegenteil. Hände in den Hosentaschen, hängende Mundwinkel, traurige Augen. Der Wortwechsel: „Welt-MS-Tag. Gibt es so etwas für euch Depressive eigentlich auch?“ „Äh ... Volkstrauertag?“

Dann ein Mann an Krücken. „Kinderlähmung“, meint der erklärend. Und die Frau nehmen ihm antwortet: „Erzählen Sie keinen Quatsch. Sie sind doch kein Kind mehr.“

Phil Hubbe hat in seinem Arbeitszimmer einen ganzen Stapel seiner neuesten Zeichnungen vor sich. Er breitet sie aus. Man muss immer wieder lachen. Aber darf man das? Natürlich, sagt der Zeichner, der Cartoonist, der Presse-Karikaturist, der seit vielen Jahren Cartoons über Behinderte malt und damit schwieriges Terrain betreten hat. In der kommenden Woche kommt „Mein letztes Selfie“, sein bereits sechstes Buch, auf den Markt.

Der Rollstuhlfahrer schmunzelt

Mit dem Erfolg seiner Arbeiten hatte er anfangs nicht gerechnet. 2004, als das erste Buch auf den Markt kam, gab es im Lappan Verlag Diskussionen. Im renommierten Haus, das für seine humorigen Veröffentlichungen steht, hatte es Vorbehalte gegeben. Sollte man Cartoons über Behinderte drucken? Der Verkaufschef war nicht begeistert, dafür aber der Verleger, der entschied, dieses Neuland zu betreten – mit Erfolg.

Gästebuch quoll über

Damals quoll Hubbes Gästebuch über. Vor allem erhielt er immer wieder Lob. Bis heute, so sagt er, gäbe es hin und wieder Befremden, aber es würden die positiven Reaktionen deutlich überwiegen. Hubbe kennt diese Unsicherheit im Umgang mit seinen Arbeiten – nicht nur bei Buchhändlern, auch in Ausstellungen merke er immer wieder, dass vor allem Nichtbetroffene nicht wissen würden, ob sie lachen dürfen. „Man schaut auf den Rollstuhlfahrer neben sich und wenn der schmunzelt, darf man das auch“, so seine Beobachtung.

"MS Rainer"

Hubbe, 1966 in Haldensleben geboren, 1984 Abitur, hat schon immer gern gezeichnet. 1988 die Diagnose Multiple Sklerose. Da war er gerade knapp über 20. Es würde schwer werden mit seinem Traum, dem Zeichnen, sagten Ärzte. Doch der Linkshänder griff zu Stift und Feder, wurde von Freunden ermuntert, seine Krankheit mit Humor aufs Papier zu bringen. „MS“ hat er denn auch in seinem ersten Cartoon-Buch „Der Stuhl des Manitou“ verarbeitet. Die „MS Titanic“ neben der „MS Berlin“ – und dann im Rollstuhl „MS Rainer“. Beim Betrachten muss man schlucken.

Aber vielleicht liegt deshalb die fünfte Auflage vor? „Ich freue mich, wenn mir Menschen schreiben, dass sie eins meiner Bücher aufschlagen und lachen können, obwohl es ihnen nicht so gut geht.“

Selbst ein Betroffener

Viele Behinderte fühlen sich aufgehoben in seinen Arbeiten. Sie wissen, dieser Mann, der selbst ein Betroffener ist, macht sich nicht lustig. Das liegt ihm fern. Vielmehr will der Ehemann und Familienvater sensibilisieren. „Viele Ideen ziehe ich aus dem täglichen Leben“, sagt er und wird ermuntert von Menschen mit ganz verschiedenartigen Behinderungen, all das, was sie bewegt, freut, ärgert, zu thematisieren. Und wie mit Behinderung in unserer Gesellschaft umgegangen wird. Er erfährt auch Kritik, wenn er die ein oder andere Krankheit außen vorlässt. Letztens hätte ihm ein Mann geschrieben, er solle doch auch mal über Schuppenflechte einen Witz machen.

Voilà: Ein Mann liegt am Strand, die Apotheken-Rundschau mit der großen Überschrift Schuppenflechte in der Hand, und beäugt eine Meerjungfrau neben sich. Es ist das Juli-Bild im bereits gedruckten Hubbe-Kalender 2017.

Immer wieder Ideen

Seine Ideen zieht er aus eigenem Erleben, aus Tipps, Anfragen, aus Gesprächen bei seinen Vorträgen, Ausstellungen, Workshops, zu denen er geladen wird, auch aus dem aktuellen Politikgeschehen, das er täglich verfolgt für seine politischen Karikaturen, die in Tageszeitungen wie der Volksstimme veröffentlicht werden. Seit vielen Jahren am Ball ist er beim Fußballfachblatt „Kicker“. Fußball liegt ihm am Herzen.

„Die Ideen gehen mir nicht aus“, sagt er, nennt als Beispiel die vieldiskutierte Inklusion und zeichnete einen Schiedsrichter mit dunkler Brille, Blindenstock und gelber Armbinde mit drei schwarzen Punkten, der über das Fußballfeld rennt. Ihm folgen verwunderte Kicker. „Hee ...?!“, meint der eine fragend, „Psst ... Inklusion“, antwortet der andere verständnisvoll.

Kaum jemand trägt diese Blindenbinde, niemand fährt solche klapprigen Rollstühle oder hat solch ein altmodisches Hörrohr wie bei Phil Hubbe. Das sind seine Stilmittel, die der mehrfach mit Preisen Ausgezeichnete immer wieder einsetzt. Wie soll er auch angesichts minimalistischer Hörgeräte einen Gehörlosen darstellen?

„Behinderte oder Menschen mit Behinderung? Wie nennt ihr euch denn selber?“, lässt er eine Frau fragen. Der Mann im Rollstuhl antwortet „Rainer“, die Frau mit der Blindenbrille „... und ich bin die Sabine.“

Völlig normal eben.

Buchpremiere „Mein letztes Selfie“ (Lappan Verlag, 9,99 Euro) am 26. Juli um 19.30 Uhr im Moritzhof, Moritzplatz 1, Magdeburg, Eintritt frei. Weitere Informationen gibt es hier.