Drei Uraufführungen beim Impuls-Festival im Nordharzer Städtebundtheater Der Tod fiedelt, und die Skelette tanzen
Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters gab am Mittwoch in Halberstadt ein Sonderkonzert mit drei Uraufführungen. "Und führe sie in Versuchung" war Motto des experimentierfreudigen Abends im Rahmen des Impuls-Festivals für neue Musik in Sachsen-Anhalt.
Halberstadt l Orchesterchef Johannes Rieger fasst den Begriff "Neue Musik" sehr weit. Einleitend erklang mit dem in Wien gebürtigen Violinisten Thomas Panhofer die 1874 geschriebene Komposition "Danse macabre" von Camille Saint-Saens. "Totentanz" also - eine sinfonische Dichtung ganz im Geiste Liszts, wenn auch nicht mit dem Klavier, sondern auf der Geige musiziert. Der Tod fiedelt, die Skelette tanzen aus dem Grab, bis der Hahnenschrei der Oboe dem Mitternachtsspuk ein Ende macht.
Ironie und Vitalität kennzeichnen auch die Uraufführung "Teufelsspiegel" des Berliner Komponisten und Jazzpianisten Christoph Reuter (Jahrgang 1977), wieder mit dem expressiven Panhofer als Solisten. Eine nervöse, schillernde, irrlichternde Verführung durch die Violine und die Streicher, unterbrochen durch Flöte, Piccolo, Klarinette, Oboe und Fagott. In den Klang der Holzblasinstrumente mischt sich das Horn mit kurzen Breaks ein, bevor eine kurze Kadenz die Dinge klärt, wer hier das Sagen hat. Reuter nimmt die Hörer mit fast klassisch anmutender Formensprache mit auf die Reise durch seine Klangwelten.
Kammermusikalische Wirkung mit großer Intimität
Dann präsentierte Rieger die Uraufführung zweier "Eigengewächse": Von dem aus Baden-Württemberg stammenden Clemens K. Thomas (Jahrgang 1992) "Wer sündigt, wer richtet?" und von dem 26-jährigen Ehsan Mohagheghi Fard "Der Beduine und die bösen Geister".
Seit 23 Jahren nämlich richtet das Orchester des Städtebundtheaters Werkstätten für junge Komponisten aus. Diese Nachwuchsförderung ist in Kontinuität, Qualität und Intensität deutschlandweit einmalig. Beide waren 2011 und 2012 Preisträger und errangen als Auszeichnung die Uraufführung ihrer Kompositionen zum Impuls-Festival.
Der in Hamburg studierende Thomas probierte die klanglichen Variationsmöglichkeiten eines großen Orchesters aus. Der Streicher ebenso wie den Dialog von Blech und Holz. Eine fast kammermusikalische Wirkung mit großer Intimität.
Der aus dem Iran stammende Fard setzte in den drei Sätzen seines vom Klavierstück zur Orchestersuite erweiterten Werkes auf die Gegensätzlichkeit wie die Vereinbarkeit von Morgen- und Abendland. Arabische Klänge mischen sich mit einem melancholischen Walzer und einem Marsch - es sind Grenzüberschreitungen, die Fard bewegen. Musikalisch wie geografisch oder politisch.
Dann noch von Elena Kats-Chernins "Heaven Is Closed". Verschlossener Himmel, verlorene Heimat, so die Botschaft der 1957 in Usbekistan geborenen und 1975 nach Australien Ausgewanderten. Ihr Werk wirkt wie Bilder von Chagall. Russland ersteht in Motivik und Rhythmik des entfesselten Orchesters als Sehnsuchtslandschaft. Die Crossover-Entdeckung des Abends!
Zum Abschluss von Siegfried Wagner - dem Sohn Richard Wagners - die Tondichtung "Und wenn die Welt voll Teufel wär". Fürwahr - dieses Impuls-Konzert gab Impulse!