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Thomas-Mann-Erzählung feiert in Magdeburg Premiere / Viel Kunst bleibt auf der Strecke Ein Felix Krull mit beachtlicher Fallhöhe

Von Gisela Begrich 10.12.2012, 01:34

Texte des Erzählers Thomas Mann für Theater zu bearbeiten, bedeutet immer eine Herausforderung, denn dessen ironische Sprachegestaltung erweist sich als schwer austauschbar mit anderen künstlerischen Mitteln.

Magdeburg l Regisseur Martin Nimz und Dramaturg Stefan Schnabel wagten es und bearbeiteten die "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" für die Bühne. Vergangenen Freitag erlebte ihre szenische Fassung in einer Inszenierung von Martin Nimz die Premiere im Magdeburger Schauspielhaus.

Gebührt den Hochstaplern Ehre oder Hochachtung?

Als sich Gert Postel, einer der faszinierendsten Hochstapler der Gegenwart, 1982 als Dr. Bartholdy um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg bewarb, gab er an, über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Hochstaplers Felix Krull promoviert zu haben. Er wurde eingestellt. Seine Geschichte zeigt, dass es Hochstapler gibt, angesichts derer man sich fragen könnte, ob diese gewinnende Lebenskunst nicht eine Leistung bedeutet, die eher eine Auszeichnung verdiente, denn eine Bestrafung.

Diese Gratwanderung der Bewertung gelingt in Magdeburg sechzig Minuten lang wahrlich gut. Leicht, temporeich und vor allem heiter entfaltet sich das Ringen darum, einen möglichst lukrativen Platz im Dasein zu ergattern. Cornelia Brückner ersann eine Bühnenlösung, die rasche Veränderungen ermöglicht und unterschiedliche Handlungsorte unkompliziert kennzeichnet.

Die umfangreiche Personage des "Felix Krull" bewältigen acht Akteure. Iris Albrecht, Katharina Schlothauer, Alexandra Will (alternierend mit Hendrikje van der Veen), David Emig, Andreas Guglielmetti, Michael Ruchter und Peter Weiss liefern die genau fixierten unterschiedlichen Figuren, die die Welt des Felix Krull bevölkern und Partner oder Kontrahenten seines Aufstiegs sind. Mona Ulrichs Kostüme beschreiben gut, wer da wer ist und wann und wo.

Im Zentrum bewegt sich jederzeit souverän die Schauspielerin Heide Kalisch in der Titelrolle. Der Kalisch gelingt es, mit so großer Selbstverständlichkeit einen feschen und charmanten Felix Krull zu behaupten, dass sich für das Publikum die Grenzen verwischen. Die Zuschauer fragen nicht mehr ob Frau oder Mann, denn die Liebenswürdigkeit der Figur bezaubert und macht sie glaubhaft. Beifall gibt es gleich für den vorgetäuschten epileptischen Anfall in der berühmten Musterungsszene.

Ein Hohelied auf das menschliche Bedürfnis, geliebt zu werden.

Einen schauspielerischen und zugleich inszenatorischen Höhepunkt des Abends erlebt das Publikum, wenn die Kalisch als Liftboy der Madame Houpflé sexuell zu Diensten ist. Iris Albrecht als Madame variiert die Töne eines Lustempfindens so gekonnt, dass sich das möglicher Weise peinliche oder groteske Ereignis in einen heitern Theatervorgang wandelt und zu einem Hohelied auf das, was Menschsein auch und vor allem ausmacht, nämlich dass Bedürfnis, geliebt zu werden. Und seien selbst falsche Fünfziger am Werk.

Leider verliert das ganze Unternehmen nach etwa sechzig Minuten das beachtlich hohe Niveau. In der Szene zwischen Marquis de Venosta und Krull mangelt es der Sprache plötzlich an theatralischer Substanz. Das Bühnengeschehen gleitet ins bloße Dialogisieren ab. Und das bleibt so. Da nutzen auch die beeindruckenden Videoaufnahmen von Weltall und Sternenhimmel nichts.

Der Zuschauer bekommt seine liebe Mühe, Konzentration aufzuwenden und der Handlung mit Lust und Neugier zu folgen. Gewiss, Musterung und Madame Houpflé haben mehr komödiantische Substanz als Prof. Kuckuck, aber es wäre billig, Thomas Mann zur Verantwortung zu ziehen.

Man muss Regisseur Nimz und Dramaturg Schnabel befragen, ob sie jederzeit Mann genug waren, die (hochästhetische) Prosa des Dichters in die Sprache des Theaters zu übersetzen, oder ob sie stattdessen versuchten, den philosophischen Gehalt der (dazu verführenden) Literatur zu besonderem Strahlen zu bringen: Sind wir nicht alle Hochstapler, wenn wir vor der Unendlichkeit des Universums unserem eigenen Schicksal einen tieferen Wert beimessen?

Da bleibt viel Kunst auf der Strecke.