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Am Magdeburger Schauspielhaus spielt "Woyzeck" in einer modernen Reihenhaussiedlung Ein radikaler Dramatiker und neue Fragen

Von Rolf-Dietmar Schmidt 14.10.2013, 01:17

Der 200. Geburtstag Georg Büchners und hundert Jahre seit der Uraufführung des "Woyzeck" - da war die Spannung auf die Inszenierung des Dramas im Magdeburger Schauspielhaus förmlich mit Händen zu greifen. Doch was da - bildlich gesprochen - als Berg kreißte, gebar allenfalls eine diskussionswürdige Maus.

Magdeburg l Georg Büchner war politisch radikal. So radikal, dass er Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung nicht ablehnte, sondern vielmehr als eine Art Notwehr der gesellschaftlich Unterdrückten gegen allgegenwärtige Gewalt in Form von Gesetzen charakterisierte. So ist sein "Woyzeck", ein zweifelsfrei überführter und hingerichteter Mörder seiner Geliebten und Mutter seines Kindes, zwar Täter, aber ebenso auch Opfer. Es sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, die aus einem fast biederen Wesen einen kalt berechnenden Mörder machen.

Das ist der Ansatz für Regisseur Dominik Günther, die Titelfigur in die moderne Zeit in eine Reihenhaussiedlung zu versetzen. Hier ist Geld der wichtigste Wert. Geld ermöglicht Machtlosen die Illusion, über die zu herrschen, die noch weniger haben.

Die Modernisierung des "Woyzeck" war folgerichtig

Den "Woyzeck" in seiner klassischen Form zu inszenieren, die ohnehin kaum authentisch ist, weil das Werk nur in Fragmenten von Büchner hinterlassen und von anderen sehr oft verändert wurde,wäre eine verschenkte Möglichkeit gewesen. Somit war die Modernisierung des Stückes folgerichtig. Schließlich leben wir alle in einer Gesellschaft, die sich vor allem über Geld, Status und Besitz definiert. Der "Woyzeck" ist in der dramatischen Analyse und Kritik gesellschaftlicher Brüche so aktuell, dass alles andere eine Sünde gewesen wäre.

Doch nach diesem inneren Bravo-Ruf spürt man schnell, dass die Darstellung des alltäglichen Lebens in der Reihenhaussiedlung, der Zwänge durch fehlendes Geld und Perspektiven, der zerstörerischen Auswirkung auf die Persönlichkeit, eher an der Oberfläche bleibt. Ganz wie bei einem Fernsehspiel bleibt der Betrachter emotional "außen vor".

Nur bruchstückhaft blitzen Verzweiflung, inneres Leiden, Wut, Hass oder Freude bei Michael Ruchter als Woyzeck, Lena Sophie Vix als der ermordeten Marie, Ralph Martin als Major, Heide Kalisch als Margreth in einer eher undankbaren Rolle, Andreas Guglielmetti als Doktor sowie dem stotternden Woyzeck-Freund Andres auf, gespielt von Raimund Widra.

Die innere Gewalt, die zum Mord führt, spürt man nicht

Die Zerstörung der Persönlichkeit Woyzecks geschieht ebenso beiläufig, wie die Demütigung des in allen Belangen Unterlegenen. Man spürt nicht die innere Gewalt, die sich aufbaut, um schließlich in einem Mord zu enden. Das Putzen der Schuhe eines Höhergestellten als Geste der Unterlegenheit ist im Original-Woyzeck, wo der Soldatenbursche seinem Offizier als Diener an die Seite gestellt wird, logisch. In einer modernen Reihenhaussiedlung wirkt das eher befremdlich. Die Inszenierung von Dominik Günther ist durchzogen von Handlungssymbolen, die sich häufig auch bei fantasiereichster Interpretation nicht erschließen. Selbst das Mordmesser als zentrales Handlungsrequisit taucht auf, obwohl Woyzeck hier Maria in der Wanne ertränkt.

Die Protagonisten haben nie die Chance, sich wirklich vom alten "Woyzeck" zu lösen, und sie kommen auch nie richtig bei einem neuen "Woyzeck" an. Das Geschehen liegt irgendwo dazwischen, was dem radikalen Büchner vermutlich kaum gefallen hätte.

Die Tatsache, dass einer der ganz wichtigen deutschen Dramatiker dieses Werk nur in Fragmenten hinterlassen hat, warf seit seiner Uraufführung vor hundert Jahren viele offene Fragen auf. Die Magdeburger Inszenierung hat etliche hinzugefügt.