20. Magdeburger Literaturwochen "Emma" rockt Brecht aus der Hauspostille
Magdeburg. Für Marcel Reich-Ranicki ist es eines der wichtigsten Bücher seines Lebens, Kurt Tucholsky widmete ihm eine Rezension in der Weltbühne und es brannte auf Hitlers Scheiterhaufen: Bertholt Brechts 1927 erschienener Gedichtband "Hauspostille".
Dass sich allerdings eine Rockband der Brechtgedichte annimmt, dürfte doch eher die Ausnahme sein. Die Thüringer Band EMMA tat es gemeinsam mit dem Brecht-Schüler, BE-Intendanten und Regisseur Manfred Weckwerth, der das Projekt mit der Band entwickelte und Regie führte. "In der Sünder schamvollem Gewimmel" ist eine Folge von Liedern und Spielszenen für Schauspieler und Rockband, die zum 50. Todestag Brechts unter anderem auf der Berliner Brecht-Konferenz 2006 aufgeführt wurde.
Die zweite Auflage ist "EMMA rockt Brecht. Was Eugen Bertholt Friedrich in Augsburg so alles gedichtet und gesungen hat…". Der Keyboarder, Akkordeonspieler und Gitarrist der Band Matthias Müller hat den Klampfenliedern Brechts ein musikalisch sehr frisches Outfit gegeben und aus den Brechtballaden, Psalmen, Bittgesängen und Excerzitien wunderbar vielgestaltige Rockballaden, expressive und poetische, laute und leise Titel gemacht.
Die Bleicheröder Band mit Frontmann und Sänger Matthias "Emma" Hirschfeld, Ralf Kirchner, Gitarre, Matthias Müller, Akkordeon, Gitarre und Keyboard, Heiko Meißner am Bass sowie Drummer Norman Schulz war mit ihrer Brecht-Erinnerung am Sonnabend im Rahmen der 20. Magdeburger Literaturwochen im Moritzhof zu Gast. Das aus vielen Generationen gemischte Publikum konnten die Musiker sogleich packen und in die Welt des jungen Brecht nach Augsburg verführen. Aber nicht nur in die Geschichte. Es ist wunderbar wie heutig, immer wieder frech und provokant die Brechttexte sind, und sie treffen heute wie vor 80 Jahren.
Es bedurfte kaum einführender Worte. Alles hat Brecht schon gesagt, und mit Sicherheit hätte ihm die rockige Gestalt seiner Lieder außerordentlich gefallen. Der Band, besonders dem Sänger, ist es gelungen, kein einziges Wort der Texte im Sound untergehen zu lassen, ohne dass dieser verdünnt worden wäre.
Die musikalische Gestalt ist mit der dichterischen Gestalt eine genau passende Symbiose eingegangen, hat sie umspielt, unterstrichen und getragen, hat ihre Ironie genau wie ihre Poesie und stets den Brechtschen Witz auf den Punkt getroffen. Das trifft auch für die Inszenierung des ganzen Abends zu.
Das Vergnüglich-Jugendliche hat seinen Platz und führt auf Lieder, die einem die Schauer über den Rücken jagen, und man spürt die Wut und den Zorn gerade deshalb so genau, weil keiner der ausgewählten Texte auch nur eine Spur von Patina angesetzt hat. Das trifft für "Moderne Zeiten" des 16-jährigen Brecht genauso zu wie für die "Legende vom toten Soldaten" (1918) oder die "Ballade von den Seeräubern" (1923).
Dass dieser Abend so stark wirken kann liegt auch daran, dass hier gute Musiker sich nicht nur mit dem wie, sondern auch mit dem was sie singen auseinandersetzen, und genau das vermitteln sie dem Publikum auf mitreißende Weise.