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Die Operette "Gasparone" feierte am Nordharzer Städtebundtheater Premiere "Es gibt ja keine Männer mehr ..."

Von Hans Walter 24.12.2012, 01:26

Eine Inszenierung steht und fällt mit der Ausstattung. Im Kriminalfall von "Gasparone" am Nordharzer Städtebundtheater fällt sie eher. Die Premiere am Sonnabend in Quedlinburg plätscherte trotz glänzender orchestraler und sängerischer Perlen so dahin.

Quedlinburg l Auf der Vorbühne zwei bühnenhohe dunkelbraune Laminat-Wände, behängt mit Steckbriefen, dass für die Ergreifung des Räubers Gasparone eine Million Scudi ausgesetzt seien. Wer lässt sich einen Räuber so viel kosten? Diese Kopfprämie kann doch nur von einem noch viel größeren Gauner ausgelobt sein - dem Podestá von Syrakus.

Im Hintergrund ein gemalter sizilianischer Landschafts-Prospekt in Sepia-Tönen. Weiter vorn das Wirtshaus - ein von einer bunten elektrischen Lichterkette umranktes Bretterbüdchen mit einer Klappe. Wie recycelt aus der aktuellen "Carmen"-Inszenierung, einschließlich des großartig durchtriebenen Schmugglerwirt-Sängers Benozzo (Tobias Amadeus Schöner). Kakelbunt die Schürzchen der Dorfleute; die Häubchen der Frauen gehören eher nach Sardam in "Zar und Zimmermann" denn nach Syrakus. Zum Glück treten die Damen nicht in Holzschuhen auf - wenngleich der korrupte Bürgermeister Nasoni (Norbert Zilz in glänzender Spiellaune), der "Podestá", im wattongefütterten Kostüm dem Vorbild van Bett verflucht ähnlich sieht. Sein Sohn Sindulfo (Gijs Nijkamp) führt sich mit rosa Schärpe, rosa Hemd und Handspiegel als tumbe eitle Schwuchtel vor, damit eines Handlungsmotivs als nichtsnutziger Schürzenjäger beraubt.

Das Schloss der Gräfin Carlotta, verwitwete Gräfin von Santa Croce (Bettina Pierags) kommt ganz in großformatiger Rosentapete daher, möbliert mit ein paar güldenen Stühlchen und einigen Papp-Umzugskisten. Die "Gesellschaft" (der von Jan Rozehnal glänzend studierte Chor) jedenfalls zeigt sich in tadelloser, pompöser, nichts erzählender Abendgarderobe in pastellfarbenen Kleidern und im Frack. Nicht ein bisschen abgeschabt. Und das im verarmten Sizilien?

Wie soll man diese Zeichen bloß deuten? Da ist von der Ausstattung (Wiebke Horn) her wenig sozialisiert. Man findet einfach nicht heraus, in welcher Zeit das Ganze spielt, welche Charaktere da in dieser köstlichen Schmuggler-, Räuber- und Liebesgeschichte am Werke sind, was einen die Geschichte heute angeht.

Die Gräfin ist ungeheuer verliebt in den Mann, der als "Gasparone" die korrupte Obrigkeit narrt und sich als Conte Erminio entpuppt. Er hatte die ganze verwickelte Räuberpistole mit Entführungen und der von ihm ausgeraubten Geldtruhe nur in Gang gesetzt, um der Gräfin nahe zu kommen.

Zum Glück ist die 1884 von Karl Millöcker geschriebene Musik so fein, so filigran, so voller Humor, dass sie unkaputtbar ist. Der Wiener Regisseur Wolfgang Dosch konnte ihrer Verführungskraft voll vertrauen und tat es. Er inszenierte seinen "Gasparone" als heiteres Buffo-Stück in einer eigenen Spielfassung. Weniger klar wird der soziale Hintergrund. Sizilien war ein bettelarmes Land. Schmuggel war ein Volkssport und für viele die einzige Möglichkeit, dem Elend zu entkommen. Die Mafia existierte schon damals als Geheimbund.

Eine Operette, die viel deutlicher als andere Werke diese Realität zeigt. Ein Gentleman-Räuber wie Erminio ist auch als liberaler Freigeist vorstellbar, der durch sein Handeln die Obrigkeit - den König und den Bürgermeister - augenzwinkernd mit größter Freude an der öffentlichen Demaskierung vorführt.

Eine Paraderolle für den Podestá Norbert Zilz. Stimmgewaltig und quick in seinen endlosen pekuniären Verstrickungen. Sein Gegenspieler Erminio (Ingo Wasikowski) ist stimmlich überzeugend, aber in seinen darstellerischen Möglichkeiten eingeschränkt. Er lässt sich beispielsweise von der Gräfin den Schlüssel zur Schatztruhe aushändigen, um ihn dann nicht zu gebrauchen. Fix den Deckel auf und ab mit den Kröten - so einfach geht das.

Die Gräfin (Bettina Pierags) sieht adlig im wahrsten Wortsinn aus und singt auch so, wie in "Liebe erhellt die ganze Welt". Gouvernante Zenobia (Marlies Sturm) liefert das Glanzstück einer komischen Alten mit dem Couplet "Es gibt ja keine Männer mehr". Warum Wirt Benozzo und sein Weib Sora (Nina Schubert) zum Duett "Er soll dein Herr sein" ausgerechnet im Schloss kopulieren müssen, weiß wohl nur der Regisseur allein. Das Orchester unter Michael Korth war vergnüglich, wie im klangmalerischen Gewitterbild.

Fazit: Sieben Minuten Applaus ohne Bravorufe - für eine Dosch-Premiere eher mager. Beim "Vogelhändler" vor vier Jahren waren es zwölf Minuten und stehende Ovationen.