Film „Es war eine Detektivarbeit“
Im Gespräch mit Gabriele Rose über ihre Filme zu Lucas Cranach dem Jüngeren und Mechthild von Magdeburg.
Volksstimme: Bei den Dreharbeiten in Wittenberg haben Sie gesagt: „Cranach hat es mir schwergemacht“. Warum?
Gabriele Rose: Von Cranach dem Jüngeren gibt es keine Lebenserinnerungen, keine persönlichen Briefe oder wie bei Dürer eine Art Tagebuch. Auch aus dem Werkstattbetrieb ist leider kaum etwas überliefert. Es gab wenige Dokumente, die von Wissenschaftlern in den vergangenen Jahren aufgearbeitet wurden. Für mich waren sie Ausgangspunkt, um Licht in die Persönlichkeit zu bringen. Es war eine Puzzelei, eine Detektivarbeit.
War es nicht noch schwieriger, über Mechthild von Magdeburg einen Film zu drehen, von der lediglich das Buch „Das fließende Licht der Gottheit“ überliefert ist?
Das war eine wirkliche Herausforderung. Ihr Buch habe ich vielfach gelesen. Es ist eine mittelalterliche Sprache, die doch sehr weit weg von uns ist. Und es gibt kaum Einblicke in ihr Leben, es fehlen konkrete Lebensdaten. Alles ist vage. Sie soll um 1207 geboren worden sein, mit zwölf Jahren erleuchtet, mit Anfang 20 in eine Stadt gegangen sein. Ungefähr um die 40 hat sie angefangen zu schreiben, um die 60 geht sie ins Kloster, um die 80 stirbt sie.
„Wir versuchen, dem 13. Jahrhundert so nahe wie möglich zu kommen.“
Davon kann man keine Geschichte erzählen. Haben Sie deshalb im Film das Leben der Mystikerin mit der aufstrebenden Stadt Magdeburg zu dieser Zeit verbunden?
Beim Lesen ihres Buches habe ich mich gefragt, wie es sein kann, dass eine Frau im 13. Jahrhundert so etwas schreibt. Es sind Erfahrungen mit Gott, viel Mystisches, moralische Ratschläge, auch Kritik am Stadtklerus. Warum hat sie das getan. Warum durfte sie als Begine freiheitlicher leben als andere? Ich habe versucht, ihr Leben mit diesem hochinteressanten 13. Jahrhundert zu verbinden und am Beispiel Magdeburgs eine aufstrebende Stadt jener Zeit zu zeigen.
Kannten Sie vor dem Regieauftrag Mechthild von Magdeburg?
Ich kannte ihren Namen, mehr nicht. Aber ich bin froh, dass ich jetzt mehr über sie weiß. Man tut sich heutzutage mit dem Begriff Mystikerin schwer, aber sie hatte sich für ein keusches Leben entschieden und bis heute gültige Dinge über unser Zusammenleben aufgeschrieben. Wir zitieren im Film auch immer wieder aus ihren Texten.
Sie haben sich bei den historischen Spielszenen nicht für Magdeburg, sondern für Schloss Blankenburg und Kloster Michaelstein entschieden. Warum?
Wir versuchen, dem 13. Jahrhundert so nahe wie möglich zu kommen. Bereiche in Blankenburg und Michaelstein fühlen sich zumindest noch an wie 13. Jahrhundert. Wir brauchen dieses Gefühl der Originalität, in Magdeburg ist das schwer zu haben. Dreharbeiten fanden aber auch in Magdeburg an wichtigen Schauplätzen statt, an Orten, die heute noch so genutzt werden, wie seit der Zeit Mechthilds: Beispielsweise der Dom, das Rathaus und der Marktplatz vor dem Rathaus, auf dem seit 700 Jahren Nahrungsmittel verkauft werden.
In Wittenberg haben Sie in der einstigen Cranach-Werkstatt drehen können.
Wir haben uns des Ortes bedient, haben im Melanchthonhaus und in der einstigen Cranach-Werkstatt gedreht. Aber auch dort ist mit der Zeit in den Innenräumen viel überformt worden. Es musste viel mit Hilfe von Ausstattung, Kostüm und Maske nachgeholfen werden, um die Zeit vor 500 Jahren wieder lebendig werden zu lassen.
„Wichtig ist, dass ich möglichst intensiv eine Person atmen kann.“
Für beide Filme können Sie nicht auf Dokumentaraufnahmen zurückgreifen. Wird es dadurch schwieriger, Zeitgeschichte zu verfilmen?
Ja. Mit Filmaufnahmen schafft man eine andere Authentizität, es ist emotionaler, wenn man den Menschen real sehen kann. Das Problem hat man generell mit Dokumentationen über die Zeit vor 1900, noch schwieriger wird es, wenn man kaum Quellen und nicht mal ein Bildnis hat.
War für beide Folgen besonders viel Quellenstudium nötig?
Ich habe Geschichte und Politik studiert und neige eh dazu, tief in Geschichte einzutauchen. Ich möchte es genau wissen, recherchiere viel. Wichtig für mich ist, dass ich selbst möglichst intensiv eine Person atmen kann. Ich hoffe, der Zuschauer kann es bei meinen Filmen auch.
Geschichte Mitteldeutschlands: 23. August: „Lucas Cranach der Jüngere – Maler, Unternehmer, Politiker“; 30. August „Mechthild von Magdeburg – eine Frau mit Visionen“, beides 20.15 Uhr im MDR.