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Regisseur und Autor will im ersten Magdeburger "Polizeiruf 110" ein brisantes Thema anpacken Friedemann Fromm: "Der Rechtsextremismus ist hochaktuell"

26.06.2013, 01:20

Die Dreharbeiten für den ersten Fall der ARD-Krimireihe Polizeiruf 110 sind abgedreht. Ein Interview dazu mit dem Regisseur und Autor Friedemann Fromm.

Volksstimme: Die erste Folge vom Polizeiruf 110 aus Magdeburg soll am 13. Oktober im Ersten gesendet werden. Sind Sie mit dem Verlauf der Arbeiten zufrieden?
Friedemann Fromm: Ich bin sehr zufrieden. Wir bekommen zum einen von der Stadt und vielen Institutionen hier in Magdeburg sehr viel Unterstützung, wir fühlen uns aber auch bei der Bevölkerung willkommen.

"Es geht nicht darum, sich an Vorurteilen abzuarbeiten."

Volksstimme: Das Thema des ersten "Polizeirufs", für den Sie das Buch verfasst haben und Regie führen, sorgt für Diskussionen.
Fromm: Die entsprechenden Äußerungen haben mich beschäftigt. Aber es geht uns nicht darum, sich an Vorurteilen über ostdeutsche Städte und Landstriche als Hochburg von Neonazis abzuarbeiten. Und es geht nicht darum, alte Bilder von vor 15 Jahren aufzuwärmen. Diese entsprechen nicht mehr der Realität.

Volksstimme: Wie gehen Sie dann mit dem Thema um?
Fromm: Die erste Folge vom Polizeiruf 110 aus Magdeburg wird zeigen, wie rechtsextremes Gedankengut in die Gesellschaft hineinwächst. Anlass war die Diskussion, die entstand, als das Buch von Thilo Sarrazin erschien. Zum einen war da die These, dass jeder Mensch, der in Deutschland lebt, nach Möglichkeit die deutsche Sprache beherrschen sollte. Da kann ich mitgehen. Es folgte aber eine ganze Reihe von Parolen, die nicht akzeptabel sind.

Vor dem Hintergrund, dass diese Aussagen mitten aus dem bürgerlichen Milieu kamen und in diesen Schichten viel Zustimmung erfuhren, wird deutlich: Rechtsextremismus ist heute nur noch schwer an Symbolen zu erkennen. Er zieht sich durch viele Gruppen der Gesellschaft und ist oft auch nur schwer zu erkennen.

Volksstimme: Das allerdings ist kein für Magdeburg charakteristisches Problem.
Fromm: Stimmt. Jeder "Polizeiruf 110" und jeder "Tatort" könnten dieses Thema aufgreifen. Aber zum einen: Kaum ein anderes Fernsehformat erreicht so viele Zuschauer und ist zugleich in der Lage, aktuelle Entwicklungen zum Diskussionsthema werden zu lassen. Und der Rechtsextremismus ist hochaktuell - Stichwort NSU-Morde und der Prozess in München.

"Jeder "Polizeiruf\' und jeder "Tatort\' könnte dieses Thema aufgreifen."

Warum also nicht für den ersten Magdeburg-"Polizeiruf" einen wirklich brisanten Inhalt anpacken? Zum anderen: Ja, Rechtsextremismus ist kein Thema, das nur für Magdeburg eine Rolle spielt. Aber er ist eben auch ein Magdeburger Thema. Dazu haben wir im Vorfeld viel recherchiert und beispielsweise mit dem Verein Miteinander eng zusammengearbeitet, um die Situation realitätsnah abzubilden.

Volksstimme: Mit welchen Erkenntnissen?
Fromm: Vielleicht ist es Zufall - aber dass wir bei unseren Vorbereitungen auf Rechtsextreme in der Jugendarbeit gestoßen sind, zeigt, dass dieses Problem Magdeburg beschäftigt und beschäftigen muss. Der Rückzug der staatlichen Förderung aus der Jugendarbeit - und das ist in Magdeburg aufgrund der Sparpläne der Landesregierung wohl schon ein Thema - bedeutet, dass Ideologen in die freien Nischen vordringen. Das hat es auch an anderen Stellen Deutschlands gegeben.

Und um auch das klarzustellen: Ein Krimi lebt von einer kriminellen Handlung. Da sollte man nicht überempfindlich reagieren. Um einmal den Vergleich zu wagen: Es ist doch jedem klar, dass - nur weil dort einmal ein "Tatort" zum Thema Mädchenhandel inszeniert wurde - Hamburg keine Stadt ist, die von Menschenhändlern beherrscht wird.

"Magdeburg ist sehr unverbraucht. Das hat natürlich Vorteile."

Volksstimme: Die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts ist für Filmemacher ein unerforschtes Gebiet.
Fromm: Vielleicht in Teilen unerforscht - aber nicht unbekannt. Lange vor den Dreharbeiten haben wir in der Stadt recherchiert. Außerdem habe ich vor fünf Jahren während der Dreharbeiten für "Die Wölfe" schon einmal hier gearbeitet.

Volksstimme: Haben Sie Plätze von damals wiederentdeckt?
Fromm: Ich habe Plätze wiederentdeckt. Und ich muss sagen: Es hat sich in den vergangenen Jahren wieder sehr viel in der Stadt getan. Das ist übrigens für Filmemacher sehr reizvoll. Denn Magdeburg ist eine Stadt der Gegensätze.

Es gibt Stellen, an denen die aufblühende Großstadt zu erkennen ist, an denen auch Wohlstand sichtbar wird. Auf der anderen Seite gibt es hier Stellen, an denen es scheint, als ob die Zeit stehengeblieben sei. Da es sehr viele so unterschiedliche Plätze gibt, werden auch die Autoren der kommenden Polizeiruf-Folgen in dieser Stadt immer wieder etwas neues Reizvolles finden können.

Volksstimme: Sie legen die erste Magdeburg-Folge des Polizeirufs vor - hat das besondere Vorteile?
Fromm: Die Stadt ist sehr unverbraucht. Das hat natürlich Vorteile. Ich denke aber, dass der Polizeiruf auch in Zukunft dieses gute Miteinander mit den Menschen und Institutionen bewahren kann. Da hier nur zwei Folgen im Jahr gedreht werden und die Stadt auch recht weitläufig ist, hält sich die Belastung durch Straßensperrungen und Ähnliches für die Menschen sicher in Grenzen.