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Im Gespräch mit Jo Fabian über seine Arbeit am Stück "Das Guericke-Labyrinth" "Ich verstehe mich als wachendes Auge"

07.06.2012, 03:22

Die Theaterarbeiten Jo Fabians überschreiten Genregrenzen von Schauspiel, Tanz, Performance, Konzert und Installation. Augenblicklich erarbeitet Fabian als Uraufführung für das Magdeburger Schauspiel einen Abend mit dem Titel "Das Guericke-Labyrinth". Gisela Begrich sprach mit ihm.

Volksstimme: Herr Fabian, Ihr Name wird mit sehr unterschiedlichen Berufsbezeichnungen in Verbindung gebracht: Regisseur, Bühnenbildner, Lichtdesigner, Videokünstler, Autor. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?

Fabian: Jeder dieser Bereiche erfordert sein eigenes Handwerk, seinen eigenen Sinn für Gestaltung. Ich würde mich als Künstler bezeichnen.

Volksstimme: Arbeiten Sie ausschließlich für Theater oder irrlichtern Sie zum Beispiel auch in der Malerei?

Fabian: Ich arbeite vorwiegend für Theater, aber eben auch als Maler und Bühnenbildner. Theater ist ja eine besondere Form der Malerei, eine mit Menschen im 3- dimensionalen Raum. Ich mache eine Art Bildertheater.

"Man könnte zehnmal hingehen und wird nicht das Gleiche sehen."

Volksstimme: Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen? Welche Rolle spielen die Schauspieler, welche Funktion haben andere Elemente?

Fabian: Über den Schauspieler transportiert sich die Möglichkeit für den Zuschauer, sich selbst zu suchen. Insofern muss er an erster Stelle genannt werden, aber eine Komposition muss ja in allen Ecken eines Raumes durchdacht sein. Der Schauspieler hat so gesehen die gleiche Bedeutung wie Video, Licht oder Sound. Entwicklungsstücke wie das "Guericke-Labyrinth" basieren auf der Kreativität des Schauspielers. Ich verstehe mich als Anleiter und als wachendes Auge. Die Inszenierung entsteht durch Improvisation im freien Spiel der Kräfte.

Volksstimme: Jeder Abend ist also völlig anders?

Fabian: Man könnte zehnmal hingehen und wird nicht das Gleiche sehen. Es gibt Freiräume. Aber es gibt auch Eckpfeiler, an denen man sich orientieren kann. Die Ergebnisse der Arbeit werden strukturell wiederholbar gemacht.

"Im Nachhinein gibt es eine Vielzahl von Stücken in den Köpfen."

Volksstimme: Beziehen Sie das Publikum durch Interaktion ein?

Fabian: Nein, die Plattitüde von Interaktivität brauche ich nicht. Allerdings glaube ich, dass der Zuschauer das Stück macht und nicht der Schauspieler. Die Inszenierung löst etwas aus, was sonst nicht da wäre. Inhalte, die in einem Theaterstück oder Bild sind, können befreien helfen. Ziel kann aber nicht sein, dass alle das Gleiche gesehen haben, alle das Gleiche denken. Jeder Zuschauer muss seinen eignen Weg gehen. Es gibt im Nachhinein eine Vielzahl von Stücken in den Köpfen.

Volksstimme: Was interessiert Sie an Otto von Guericke?

Fabian: Es ist weniger die Person und ihre Biografie, sondern diese Umbruchzeit. Nicht die Luftpumpe ist das besondere Ereignis, sondern die Zerstörung der Stadt, die europaweit als Apokalypse wahrgenommen wurde. Was bedeutet so eine Erfahrung in der Geschichte eines Volkes und einer Stadt? Wie geht ein Mann der Wissenschaft damit um? Was bewirkt die Zerstörung in seinem Denken? Guericke ist einer der ganz gewöhnlichen Renaissancemenschen, die fünf verschiedene Berufe zur gleichen Zeit ausüben und in allen begabt sind. Das fällt aber nur auf, wenn man auf ihn allein schaut und mit einem heutigen Menschen vergleicht, der sich von Kindesbeinen an spezialisieren muss um überhaupt eine Chance in dieser Welt zu haben. Diese fehlende Spezialisierung ist für Guerickes Zeit der Normalfall.

Volksstimme: Was erwartet die Magdeburger in Ihrer Inszenierung?

"Auf mitgeführten Texten durch den Bilderwald begeben."

Fabian: Sie erwartet ein ultimatives Kunstwerk. Wenn sie daran interessiert sind, können sie kommen, unabhängig vom Gegenstand. Sie erwartet eine sehr bildhafte Inszenierung, die an unterschiedlichen Punkten, also auch über Schauspieler, die Möglichkeit gibt, eine Guerickefigur zu lesen. Im zweiten Teil habe ich zum Beispiel Guericke mit dem Schauspieler Peter Wittig zusammengebracht. Da werden auch biografische, authentische Texte gesprochen, das aber im Kontext mit der weiterlaufenden Bildinszenierung.

Dann werden unterschiedliche Schauspieler Texte, die sie glauben, dass sie im Verhältnis zu Guericke und dessen Zeit stehen, auch als eigene Biografie verkörpern. Diese Splittertextkörper können ein Hangelseil zu den Bildern sein, die ja nicht eindeutig interpretierbar sind. Die Zuschauer können sich gut auf diesem Pfad der mitgeführten Texte durch den Bilderwald begeben. Sie müssen mal Auge und Ohr getrennte Wege gehen lassen, damit die sich nachher etwas zu erzählen haben, wenn sie sich am Ende des Abends wiedertreffen.

Premiere ist am Sonnabend, 9. Juni, im Schauspielhaus Magdeburg. Beginn 19.30 Uhr.