Dresden (dpa) l Eines ist für den Dresdner Autor und Satiriker Wolfgang Schaller auch in unsicheren Zeiten sicher: "Es gibt ein Leben nach dem Virus. Da werden wir auf der Kabarettbühne viel zu hinterfragen haben", sagt der Künstler. Gäbe es das Virus nicht, hätte man es erfinden müssen: "Wer spricht noch von Flüchtlingen, von Nazis, Kriegsgefahr und vom Kollaps des Finanzsystems, den man uns nach dem Virus viel besser begründen kann." Über all das müsse gesprochen werden: "Das Land steht still, aber das Gehirn arbeitet. Wir werden viel zu tun haben im Kabarett."

Am kommenden Montag wird Schaller 80 Jahre alt. Nicht nur im Osten waren seine Texte begehrt. Auch im Westen hatte er Freunde wie die Kollegen Dieter Hildebrandt und Werner Schneyder, die er nun im Himmel weiß und sehr vermisst. Genauso wie Peter Ensikat, mit dem er viele Programme gemeinsam schrieb. Sie waren den Funktionären oft ein Dorn im Auge, sorgten im Volk aber für Begeisterung. Schaller sieht dabei eine gewisse Kontinuität. So wie einst in der DDR würden auch heute Politiker einen Bogen um ihn machen und ihm nicht die Hand geben, sagt er. In Zeiten von Corona sei das ja auch sinnvoll.

Schaller stammt aus dem polnischen Breslau, dem heutigen Wroclaw. Nach Studien in Löbau und am Leipziger Literaturinstitut war er zunächst Deutschlehrer und leitete in Görlitz ein Jugendkabarett. 1970 wurde er Autor und Dramaturg des Kabarettes "Herkuleskeule" in Dresden, später wurde er deren Chef – und blieb es 36 Jahre lang. Schaller hat mit Ensikat das Ost-Kabarett im Westen hoffähig gemacht. 1988 gastierte er mit Wolfgang Stumph und Rainer Schulze in München. Im Publikum saßen auch viele Kollegen aus dem Westen. Sie zollten den Kollegen aus der DDR danach immer wieder Respekt.

Kabarett hat die Aufgabe, kritisch gegenüber der Macht zu sein", sagt Schaller. Natürlich gebe es im Publikum Gäste, die sich lediglich vor Lachen auf die Schenkel klatschen wollen: "So lange, bis der Kopf zwischen den Schenkeln steckenbleibt. Aber eigentlich fängt die Satire erst dort an, wo der Spaß aufhört, nur Spaß zu sein.". Als vor 60 Jahren sein Jugendkabarett zu frech gewesen sei, hätten Funktionäre aus Protest den Saal verlassen, bis er leer war: "Seitdem weiß ich, dass Kabarett etwas bewegen kann."

Den Stoff für seine Texte fand Schaller auf der Straße, meist bei Kneipenbesuchen im Dresdner Stadtteil Leuben: "Hier trafen sich der Kombinatsdirektor und der Asoziale und der Parteisekretär und der asoziale Parteisekretär, hier wurde Tacheles geredet." Dabei ist Schaller immer ein Linker geblieben. Er schiebt es auf seine DNA: "Ich schreie lauter als je gegen ein System, das mit dem Dauerruf nach Wachstum die Umwelt zerstört, wo der Gewinn das Maß aller Dinge ist, wo es so viel perversen Reichtum und so viel grauenvolle Armut gibt. Der Sozialismus musste untergehen, weil er keiner war. Der Kapitalismus wird untergehen, weil er einer ist."

Jetzt, kurz vor seinem "Runden", schaut Schaller lieber nach vorn als zurück: "Ich bin ja schon lange im Unruhestand. Obwohl immer einige rieten, ich solle loslassen. Aber sagen sie das mal einem Bergsteiger." Vor kurzem hat er mit seinen Kollegen von der "Keule" – wie das Kabarett von den Dresdnern genannt wird – noch auf der Bühne gestanden und im Beifall baden können. Anfang März erschien Schallers Buch "Eh ichs vergesse. Satirische Zeitensprünge", in dem auch viele Beiträge aus seiner wöchentlichen Kolumne in der "Sächsischen Zeitung" stehen.

Die Feier zum 50-jährigen Bestehen der "Keule" muss Schaller genauso umplanen wie die private Geburtstagsparty. Er nimmt es mit Humor – was auch sonst. Schaller beschreibt die Corona-Krise als Vollbremsung von Hundert auf Null. Allerdings kann er der ganzen Sache auch eine positive Seite abgewinnen: "Ich sehe, wie an einem Sonnentag die Bäume knospen und genieße das Grün. Und mein Geburtstag fällt aus. Das Virus sorgt dafür, dass ich nicht älter werde. Meine Schwiegermutter sagte immer, wenn ich mal wieder Rücken hatte oder Knie: Werde erstmal 80, dann geht's wieder aufwärts."