Magdeburg l Während kleinere Rollen noch Namen bekommen wie "Kellnerin #2" oder "Bandenmitglied #4", wird ihnen selbst das verwehrt. Kein Filmposter wirbt mit ihnen, obwohl sie bei vielen Produktionen am stärksten vertreten sind - und am schlechtesten bezahlt. Zumindest die, die wir gefragt haben, stören sich daran aber nicht besonders: Die Komparsen.

Statisten sind fast unsichtbar

Denn eine Filmwelt wird erst lebendig, wenn auch Leute darin vorkommen, die nichts mit der Handlung zu tun haben. Rollen, "die man erst sieht, wenn man sie nicht sieht" - so fasst Steven Adam die Komparsen-Kunst zusammen. Der 39-Jährige spielt zur Zeit eine Gefängnisinsasse für den Film "Grosse Freiheit", der seit Februar in der ehemaligen Jugendvollzugsanstalt Magdeburg (JVA) gedreht wird.

Der Film von Sebastian Meise ("Still Life") folgt einem homosexuellen Mann, zu einer Zeit, als seine Neigung in Deutschland unter Strafe stand. Für sein "Verbrechen" landet er im Gefängnis, für das die JVA als Kulisse dient.

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In dieser sind neben der Filmcrew und den Hauptdarstellern mehrere hundert Komparsen unterwegs, die meisten aus dem Raum Magdeburg. Da ihre Rollen klein sind und die Kamera sie selten in den Vordergrund stellt, können auch Laien die Jobs übernehmen.  "Da gibt es keine größeren Ansprüche, als dass jemand Lust und Laune hat und verfügbar ist", sagt Antje Mews dazu. Als Inhaberin der Berliner Firma "agentur filmissimo" vermittelt sie Darsteller an Filmprojekte, die sie gerade brauchen - darunter auch dieses.

Agenturen wie filmissimo betreiben eine Datenbank, in der sich Statisten selbst präsentieren. Fragen Produktionsfirmen nach Statisten, führt Mews eine Vorauswahl und schaut zum Beispiel, wer sich für welche Rolle eignet oder ob die verfügbaren Kostüme passen.

Auch spontane Beförderung möglich

Wer neu als Komparse einsteigt, ist oft überrascht, wie zeitintensiv die Arbeit sein kann. Selbst Statisten müssen geschminkt und eingekleidet werden, um zu Zeit oder Schauplatz zu passen, in denen sie zu sehen sind. Teilweise wird man dafür bezahlt, rumzusitzen, bis man benötigt wird. Viele Drehs brauchen die Darsteller auch unter der Woche, Flexibilität ist also wichtig.

Die Entschädigung dafür wird nach Mindestlohn bezahlt, oder nach Tagespauschale. Unter Umständen winken auch Zuschläge, wenn etwa ein Regisseur spontan entscheidet, jemanden zu "befördern" - also der Rolle Text oder andere Extra-Anweisungen zu geben. Wer dort wohnt, wo oft gedreht wird, kann vielleicht sogar hauptberuflich als Komparse arbeiten.

Als die 400 Komparsen in Magdeburg gesucht wurden, war Mews vom Zuspruch überrascht, wie sie sagt: "Ich habe selten eine Stadt erlebt, bei der so viele reagiert haben." Einer der Freiwilligen ist schon seit ein paar Jahren im Geschäft: Holger Sonntag, 56, von Beruf Polizeibeamter - sowohl vor als auch abseits der Kamera.

Alter und Erfahrung unterschiedlich

Denn auch die unbekannteren Darsteller haben einen "Typecast" - eine Art von Rolle, für die sie wegen ihres Aussehens, Körperbaus oder Fähigkeiten bevorzugt gecastet werden. Sonntag meldete sich 2013 für "Polizeiruf 110", das in Magdeburg gedreht wurde. Das nennt er heute "eine Schnapsidee", kam dadurch aber an mehrere Sprechrollen als Polizeibeamter und bedient manchmal sogar Fahrzeuge oder Waffen. In "Grosse Freiheit" spielt er einen Gefängniswächter, bleibt für seine Rolle also auf der selben Seite des Gesetzes.

Alexander Kunze ist erst seit Kurzem dabei. Der 29-Jährige spielte beim "Tatort"-Dreh in Magdeburg mit, ebenfalls spontan nach einem Aufruf bei Facebook. Etwas Schauspielererfahrung sammelte er in Schul-AGs. In "Die Grosse Freiheit" gehört er zu den Gefängnisinsassen, und sogar zu den etwas besser sichtbaren, da er beim Dreh oft im Vordergrund stand.

Steven Adam hat ebenfalls schon beim "Tatort" mitgespielt, dort auch als Häftling in der JVA. Sonst hatte er "Gigs" als Einbrecher oder Kindererzieher in Doku-Soaps und Fernsehfilmen, auch bei Drehs in Köln. Sich selbst in den Produktionen zu sehen, vergleicht er mit dem Gefühl, "seine eigene Stimme zu hören. Es fühlt sich seltsam an." Deswegen sieht er sich Doku-Soaps mit ihm auch nicht mehr an, weil er da "so etwas wie eine Fremdscham" empfindet.

Das lag teilweise noch an seiner Unerfahrenheit, mittlerweile kriegt Adam mehr Routine in seine Rollen. Auch bei früheren Drehs schätzt er das Erlebnis, "wie zum ersten Mal die Kamera auf einen gerichtet wurde und man ins Stottern geriet. Und auch wenn die Produktion eher mittelmäßig war, so war es doch beeindruckend, zum ersten Mal den Aufwand hinter so ziemlich banalen Szenen zu sehen."