Von Hans Walter

Quedlinburg. Das Monodrama "Harrys Christmas" des britischen Autors Steven Berkoff (geboren 1937) wurde zum großen Abend für den Schauspieler Arnold Hofheinz. Im Quedlinburger Wipertihof hatte die Produktion des Nordharzer Städtebundtheaters am Mittwoch ihre gefeierte Premiere. Regie führte als Gast Sebastian Wirnitzer. Sechs Minuten Applaus für das kleine Team, zu dem auch Dramaturgin Sylvia Sarnow, Ausstatterin Barbara Sauer-Funke und Techniker Christoph Kotzian das Ihre beitrugen.

Hofheinz ist ein denkender, ein nachdenklicher Akteur. Er lotet seinen Harry in viele Untiefen aus. Der 50-Jährige ist ein Bruder im Geiste Willy Lomans in "Der Tod eines Handlungsreisenden" von Arthur Miller. Ein Losertyp, der vier Tage vor Weihnachten mit seinem totalen sozialen Abstieg und der Vereinsamung konfrontiert wird. Ungeliebt, uninteressant, ungemocht. Heiligabend ist der "schlimmste Tag des Jahres". Für Harry endet er tödlich nach einer Überdosis Tabletten. Die Rituale helfen nicht mehr – das Schmücken des Baumes, Plätzchen backen, die Erinnerungen an die hilfsbedürftige Mutter, an die Liebschaft zu Annie, an ehemalige Kollegen.

Die einzige Verbindung zur Außenwelt schafft das Telefon. Harrys zögerliche Anrufe sind Beschwörung einer vermeintlich glücklichen Zeit – allesamt enden sie in Gleichgültigkeit, Ablehnung und Missverständnis. Mit seiner alten Mutter redet er wie mit einer Geisteskranken. Er brüllt und poltert und lenkt halbherzig ein. Auch sie ist einsam – Harry will und kann ihr nicht helfen.

Ohne den exzessiven Griff zur Flasche ist all das nicht zu ertragen. In der Nacht vor Weihnachten klingelt das Telefon – aber Harry nimmt nicht mehr ab. "Ich habe meinen Garten verwildern lassen. Ich schäme mich." Gierig reißt er die Weihnachtspost auf. Sie erweist sich als Zahlungserinnerung. Es ist ein Bild der Kälte in der Gesellschaft, "die kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen hat als die gefühllose, bare Zahlung" (Marx). Er sehnt sich nach seiner fröhlichen Liebe Clara, aber kann keinen Schritt mehr auf sie zugehen. Liebeserfüllung bleibt Illusion im Tablettenwahn. Was bleibt, ist der tiefe Schlaf für immer ...

Der junge Regisseur Sebastian Wirnitzer und Hofheinz beweisen tiefes Verständnis für ihren Antihelden. Sie reißen Klüfte auf, die gerade im Weihnachtsdusel zugeschüttet werden mit Harmoniebotschaften. Ein großer Abend!