Am 1. Dezember hat Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto seine Stelle am Theater Magdeburg angetreten und wird am 9. und 10. Dezember das 4. Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie dirigieren. Grit Warnat hat mit dem 43-jährigen gebürtigen Taiwanesen gesprochen.

Volksstimme: Herr Ishii-Eto, Sie sind vor wenigen Tagen in Magdeburg angekommen. Es ist unwirtlich in Deutschland. Freuen Sie sich, hier zu sein?

Kimbo Ishii-Eto: Ja, natürlich. Die Kälte bin ich gewöhnt. Ich komme gerade aus Amarillo in Texas. Da ist es auch nicht warm. Der Ort liegt sehr hoch. Als ich abgeflogen bin, waren minus 12 Grad. Ich fühle mich ein bisschen schuldig, dass ich die Kälte mitgebracht habe.

Volksstimme: Sie haben zuletzt in Texas gearbeitet. Karen Stone bis vor anderthalb Jahren auch. Es hört sich nicht nach Zufall an, dass Sie jetzt hier sind.

Ishii-Eto: Das stimmt, aber ich kann Ihnen versichern, dass es wirklich reiner Zufall ist.

Volksstimme: Kannten Sie Frau Stone?

Ishii-Eto: Nicht persönlich, aber ich hatte in Amerika von ihr gehört.

"Ich wollte nach Europa zurück"

Volksstimme: Wie sind Sie auf Magdeburg gekommen?

Ishii-Eto: Vor etwa zehn Jahren hatte ich das erste Mal an der Komischen Oper in Berlin dirigiert und als Aushilfe Orchestermitglieder der Magdeburgischen Philharmonie kennengelernt. Ich hatte dann mehrmals Kontakt zum Magdeburger Theater, mich auch interessiert, hier zu dirigieren. Aber unsere Wege führten jahrelang nie wirklich zusammen. Im Oktober des vergangenen Jahres habe ich dann ein Sinfoniekonzert geleitet. Das war sozusagen mein Einstand.

Volksstimme: Wollten Sie wieder nach Deutschland zurückkommen?

Ishii-Eto: Ich wollte nach Europa zurück. Amarillo in Texas war für mich zu weit weg von Europa. Das birgt auch die Gefahr, dass man zu viele Kontakte aufgibt.

Volksstimme: Sie fangen quasi mitten in der Spielzeit an. Inwieweit trägt diese Spielzeit schon Ihre konzeptionelle Handschrift?

Ishii-Eto: Über die Konzeption hatten wir schon vor dem Sommer gesprochen, ich war auch in der Frage der Gastdirigate involviert. Das Programm trägt meine Handschrift, auch wenn ich körperlich bisher noch nicht hier war.

Volksstimme: Sie haben sich also Ihren musikalischen Einstand für das Sinfoniekonzert am 9. Dezember ausgesucht?

Ishii-Eto: Natürlich. Mozart steht auf dem Programm und wie schon im vergangenen Oktober Mahler. Er ist einer meiner Lieblingskomponisten.

Volksstimme: Bei Ihrer ersten Vorstellung im Februar sprachen Sie von "einer Vielfalt der Stile". Welche musikalischen Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Ishii-Eto: Die Balance ist sehr wichtig – für die Musiker, für das Publikum, für mich. Ich habe großes Interesse für das klassische Repertoire, setze aber auch auf Zeitgenössisches. Da meine ich nicht nur Béla Bartók, sondern vor allem Komponisten – amerikanische, japanische, koreanische, schwedische – die erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aktiv waren. Sie werden normalerweise zu einem bestimmten Anlass gespielt und dann gleich wieder abgesetzt. Das ist schade. Das will ich nicht, ich möchte mehr Kontinuität.

Volksstimme: Und Richard Wagner? Wagner war von 1834 bis 1836 hier in Magdeburg Kapellmeister. Zu seinem 200. Geburtstag 2013 setzen viele Häuser auf Wagners Musik. Halle führt in einem ehrgeizigen Projekt den "Ring" auf. Was planen Sie?

Ishii-Eto: Sie können sicher sein, dass einige Wagner-Werke auf die Bühne kommen. Aber mir geht es nicht um die Größe des Stückes, sondern wie gut wir es machen. Vielleicht spielen wir "Rienzi" oder "Die Meistersinger". Schön sind die Stücke alle. Lassen Sie sich überraschen.

"Ein Opernorchester hat mehr Ahnung von Teamwork"

Volksstimme: In Ihren Händen liegt auch die Wiederaufnahme von Mozarts "Zauberflöte" am 17. Dezember. Wie wichtig ist Ihnen das Musiktheater?

Ishii-Eto: Musiktheater ist für ein Orchester und seine Entwicklung wichtig. Ein Opernorchester hat eine gewisse Flexibilität und mehr Ahnung von Teamwork als ein rein sinfonisches Orchester. Es muss mit einem großen Team zusammenarbeiten, mit dem Regisseur beispielsweise, den Solisten. Ich sehe das als einen großen Vorteil an.

Volksstimme: Haben Sie eine Wunschoper für Magdeburg?

Ishii-Eto: "Jenufa" von Janacek zum Beispiel. Oder "Pique Dame" von Tschaikowski. Wagner natürlich und immer Verdi.

"Wir wollen natürlich Fortschritte machen"

Volksstimme: Ihr Vorgänger Francesco Corti hat bei seinem Abschied gesagt, das Orchester habe ein endloses Potenzial und es wäre ein Verbrechen, wenn man es nicht ausschöpfen würde. Wie schätzen Sie das künstlerische Potenzial des Orchesters ein?

Ishii-Eto: Die Basis ist wirklich sehr gut, das Orchester sehr flexibel, man kann sehr schnell feine Nuancen erarbeiten. Das habe ich im vergangenen Jahr erleben können, als ich das erste Mal in Magdeburg dirigiert habe. Dieses Potenzial wollen wir nutzen und weiterentwickeln. Wir wollen natürlich Fortschritte machen. Dafür bin ich hier.

Volksstimme: Das Orchester hat anderthalb Jahre ohne GMD auskommen müssen. Merken Sie das dem Orchester an?

Ishii-Eto: Ja. Ein Orchester braucht eine kontinuierliche Arbeit. Das können Gastdirigenten nicht bewältigen.

Volksstimme: Sie arbeiteten in Japan, China, in den USA, in England, den Niederlanden. Sie waren 2006 bis 2008 Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin. Sie können vergleichen: Was macht das deutsche Konzertpublikum aus?

Ishii-Eto: In großen Städten wie New York, Boston oder Los Angeles versteht das Publikum sehr viel von Musik. Aber dort lieben sie eher konservative Interpretationen und noch dazu das Schnelle, Laute – die moderne Fassung von Mozarts Oper ist in den USA oder Japan wahrscheinlich schwerer zu realisieren.

Volksstimme: Wie sehen Ihre nächsten Tage aus?

Ishii-Eto: Wohnungssuche, Proben, Einleben, Vorstellen, Dolmetschen.

Volksstimme: Dolmetschen?

Ishii-Eto: Für meine Frau auf unserer Suche nach einer Wohnung.

Volksstimme: Wer trifft dafür die Entscheidung?

Ishii-Eto: Meine Frau natürlich.