Magdeburg l Als das Kunstmuseum Moritzburg in Halle am 5. März Journalisten durch seine Räumlichkeiten führte, in denen aufwendig inszeniert 400 Fotografien von Karl Lagerfeld hingen, schien die Welt noch fast normal. Auch wenn zwei Tage zuvor die abgesagte Leipziger Buchmesse die Branche in Schockstarre versetzt hatte und erste Großkonzerte bereits gecancelt wurden, konnte man sich nicht wirklich ein Dichtmachen des gesellschaftlichen Lebens vorstellen.

Roland Kaiser wollte am 14. und 15. März in der seit langem ausverkauften Magdeburger Getec-Arena mit Tausenden Fans singend feiern. Auch die Telemann-Festtage sollten am 13. März starten. Die Organisatoren bangten. 24 Stunden zuvor sagte die Stadt die Telemann-Konzerte schweren Herzens ab. Da lief im Theater Magdeburg noch die Generalprobe für die nächste Opern-Premiere.

Dann gingen überall die Lichter aus. Kein Telemann, kein Kaiser, kein Lagerfeld mehr. Nichts mehr. Es war der Anfang von Absagen über Absagen, die bis heute die Kulturwelt erschüttern. Ausgang ungewiss.

Erstes Konzert mit einem Trick

Als am 23. Mai in der Klosterkirche von Hillersleben das kleine Rossini-Quartett zum Auftakt seiner Romanik-Tour lud, war das ein erster Hoffnungsschimmer. Theater waren noch dicht, Kinos auch, auch Konzerte gab es noch nicht. Das Spiel in Hillersleben war nur mit einem Trick möglich: Die Gemeinde hatte zum Gottesdienst geladen – mit Musik.

Aber dieser kleine Lichtblick wurde größer. Mit der warmen Jahreszeit konnte unter freiem Himmel geladen werden: Im Puppentheater Magdeburg zum Sommerspektakel, auf der Waldbühne in Benneckenstein im Oberharz zum Theaterfest und im Kloster Jerichow zu Jazz. Absagen aber blieben. Kein Domplatz-Open-Air in Magdeburg, kein Operettensommer in Schönebeck, keine Altmark-Festspiele. Abstandsregeln und damit verbundene geringe Auslastung forderten ihren Tribut.

Zermürbende Ungewissheit allgegenwärtig

Mit verschiebbaren Paletten wurden beim Theaternatur-Festival Benneckenstein die Gäste auf Abstand gehalten. Euro-Paletten, die zu gemütlicher Zweisamkeit luden, gab es auch im Puppentheater. Die Luftigkeit freute den Besucher, konnte manchem Veranstalter mit Blick auf Einnahmen durch reduzierte Gästeschar aber Tränen in die Augen treiben. Ausverkauftes Haus bedeutet in allzu vielen Fällen nur ein Drittel Kartenverkauf.

Im Magdeburger Opernhaus kam man sich im September und Oktober einsam vor beim Blick auf die leergehaltenen Reihen – trotz ausverkauften Hauses. Abstand halten – in Museen, Kabaretts, Theatern, Kinos, Literaturhäusern, Kulturzentren. Wohl dem, der in subventionierter Einrichtung nach wie vor weich gebettet ist. Die kulturelle Zweiklassen-Gesellschaft war nie so deutlich zutage getreten. Die Privaten durfte man nach ökonomischer Vernunft nicht fragen.

Ums blanke Weiterleben kämpfen private Häuser und Ensembles, auch Vereine und die vielen, vielen Soloselbständigen. In Gesprächen war die zermürbende Ungewissheit allgegenwärtig. Monatelang keine Ausstellungen, keine Auftrittsmöglichkeiten. Licht an, dann wieder aus. Wie geht es weiter und wann? Kreative, immer selbständig haushaltende Kulturmenschen erlebte man sorgenvoll, auch entnervt. Anfangs wehrte sich so mancher gegen die Beantragung von Grundsicherung (man habe immer gearbeitet, man wolle nichts geschenkt). Später kam dann die Sisyphusarbeit für keineswegs nur gefeierte Förderprogramme von Bund und Land hinzu, zudem im „Lockdown light“ Anfang November der Ärger über die Einordnung der Branche. Die fand sich wieder zwischen Prostitutionsstätten, Spielhallen, Wettannahmestellen und Freizeitparks.

Der Deutsche Kulturrat sprach rückblickend auf 2020 von einem „rabenschwarzen Jahr“ für die Kultur. Die zwischenzeitlichen Öffnungen im August, September, Oktober, als es Schauspiel gab, Musiktheater, Lesungen bei Landesliteraturtagen, Kabarett, Festivals, eine Telemann-Nachspielzeit, waren für Künstler und Publikum zarte Lichtblicke. Dass im Oktober in Magdeburg sogar ein Chorfestival gestemmt wurde, kann man aus heutiger Sicht als kleines Wunder bezeichnen. Was war das Balsam für die Seele der Gesangsensembles! Corona lähmt auch die Chöre. Nicht nur der Aerosole wegen – Chorleben bedeutet Gemeinschaft, und die soll gemieden werden.

Welche Narben werden bleiben?

Was das Jahr 2020 an Narben in der sehr vielschichtigen Branche hinterlässt, kann keiner beantworten. Auch nicht, wie tief sie sein werden und ob sie alle heilen.

Jeder von uns mag für sich urteilen, was es für das eigene Wohlbefinden bedeutet, monatelang auf Konzerte (egal ob Rock, Schlager oder Klassik), Ausstellungen, Museumsbesuche und Theateraufführungen verzichten zu müssen. Als Bereiche der Kultur im Juni anliefen, und das darf sehr optimistisch stimmen, waren Museen zufrieden über den Zuspruch, war das Publikum in Theatern und Konzerten da, viele Angebote ausverkauft. Es zeigte, dass der Durst nach dem Liveerleben geblieben ist. Der Künstler, das ist seine Profession, will dem Publikum begegnen, das Publikum dem Künstler. Es geht um Emotionen. Digitale Formate, auch das verdeutlichten die vergangenen Monate, werden als nettes Angebot wahrgenommen, aber für viele Menschen sind sie kein Ersatz.

Auch 2021 wird ohne Kultur beginnen. Die Ungewissheit geht weiter.

Konzerte sind erneut verschoben. Am Kulturhistorischen Museum Magdeburg wurde am 30. Oktober eine lange geplante Sonderausstellung eröffnet, die nur wenige Tage später im Lockdown „versank“.Lagerfeld in Halle, sie hängt bald ein Jahr, wurde nun bis zum 7. April verlängert. Die kommunalen Theater hängen im Premieren-Stau. Einiges kann gar nicht mehr gezeigt werden wie die besucherintensiven Weihnachtsmärchen. Das Zitadellen-Theater im Magdeburger Hundertwasserhaus hat jetzt angekündigt, seine Türen mindestens bis zum Herbst 2021 geschlossen zu lassen. Ab Mai aber wolle man Kleinkunst, Comedy, Boulevard wie schon in diesem Jahr auf der Open-Air-Bühne im Stadtpark bieten. Die Buchmesse Leipzig ist in den Mai verlagert, das Kurt-Weill-Fest weicht in den warmen August aus.

Das sind gute Ideen, aber keine Blaupause für andere. So lange können nur wenige ausharren. Und nicht jeder kann Kunst auf der Wiese bieten.