Natalie Dessay und das französische Kunstlied
Berlin (dpa) - Beim neuen Album von Natalie Dessay kommen die Freunde des französischen Kunstliedes und der französischen Sprache voll auf ihre Kosten. Auf Fiançailles pour rire präsentiert Natalie Dessay erlesene Lieder einer Hochzeit des Chanson.
Es sind Geschichten von Hingabe und Hörigkeit, Sehnsucht und Schwärmerei, Verehrung, Verlangen, Liebe und Tod. Es sind wunderschöne und hoch poetische kleinformatige Meisterwerke, die ihren seltsamen Charme auch noch in der Übersetzung des beiliegenden Booklets entfalten.
Die gefeierte Kolloratursopranistin hat sich von der Oper inzwischen zurückgezogen, um den Schritt in neue künstlerische Sphären zu wagen. Die in Österreich mit dem Ehrentitel Kammersängerin bedachte Künstlerin spielte ihr dramatisches Talent zunächst in der schillernden Neuauflage des Musicals Die Regenschirme von Cherbourg aus. Nun widmet die Sängerin ein Programm den mélodies françaises.
Das Album befasst sich überwiegend mit dem 19. Jahrhundert, als Dichtung und Lied in Frankreich in hoher Blüte standen. Komponisten wie Gabriel Fauré, Emmanuel Chabrier, Ernest Chausson und Henri Duparc vertonten die Literaten Paul Verlaine, Romain Bussine, Catulle Mendès, Charles Cros, Leconte de Lisle, Théophile Gautier und Sully Prudhomme.
Die im Mittelpunkt der CD stehende Ausnahme ist der zeitlich später liegende Zyklus Fiançailles pour rire - zum Spaß verlobt. Sechs Lieder für Frauenstimme von Francis Poulenc nach Lyrik von Louise de Vilmorin (der Verlobten von Antoine de Saint-Exupéry). Poulenc, dem charmante Vulgarität wichtiger als vorgeblich tiefgründige Gefühle nachgesagt werden, hat die Vorgabe musikalisch elegant umgesetzt.
Der Komponist war berüchtigt für Witz und Doppelbödigkeit, und so hadert er sinnlich mit der Endlichkeit allen Seins und kokettiert mit dem Vergehen, was sich nicht immer schon so klar im Titel erkennen lässt wie bei Mon cadavre est doux comme un gant (Mein Leichnam ist weich wie ein Handschuh).
Faurés Schaffen war sehr von seinen Liedern bestimmt. In seiner Tonmalerei zum symbolistischen Text Verlaines besingt er den Mondenschein (Claire de lune) oder sehnt sich in Bussines Après un rêve in einen verzückenden Traum zurück. Charbier haben es die originellen und mehrdeutigen Verse von Mendès angetan, der von einer Jeanne fantasiert (Chanson pour Jeanne).
Chausson hingegen ist ein düsterer Schwärmer. Chanson perpétuelle von Cros (Ewiges Lied) und das exotisch in Töne gesetzte Le Colibri von de Lisle (Der Kolibri) zeugen von seinem Hang zu romantischer Schwermut.
Gautier, einst Mitglied des legendären Pariser Club des Hachichins, hat es Tonsetzer Durparc angetan. Die Zeilen des Gedichts Au pays où se fait la guerre (In das Land, wo Krieg ist) triefen nur so von tiefgründiger Dramatik vergeblich scheinenden Hoffens. Die Zeilen Prudhommes, einer weiteren Koryphäe und erster Nobelpreisträger für Literatur, entladen sich tonal in einem kosmischen Seufzer (Soupir).
Die sublim in Szene gesetzte Darbietung der Dessay wird von Philippe Cassard kultiviert am Klavier begleitet, ihr Ehemann, der Bariton Laurent Naouri, ist bevorzugter Partner bei zwei Liedern und das Streichquartett Quatuor Ébène bringt weitere Nuancen hinzu. Keine schwärmerische Beschaulichkeit, sondern hintergründiger Humor beherrschen das typisch französische Repertoire.
Komponisten unseres Nachbarlandes haben in Hinblick auf die Vertonung dichterischer Texte Beachtliches geleistet, und so ist Fiançailles pour rire zunächst einmal eine tiefe Verbeugung vor der Kunst des Chanson.