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Künstler und Politiker entwerfen am Schauspielhaus Magdeburg gemeinsam ein Stück zum Thema Radikalismus und Demokratie Projekt "Fraktion" auf der Suche nach der Gestaltung der Freiheit

Von Rolf-Dietmar Schmidt 28.01.2013, 01:31

Magdeburg l Mit der Uraufführung von "Die Fraktion" von Kai Ivo Baulitz am Freitagabend setzte das Theater Magdeburg ein Ausrufezeichen der besonderen Art. Es geht um Freiheit und ihre Grenzen, um Politik, Demokratie und Macht.

Es ist bereits das zweite Stück von Kai Ivo Baulitz, das als Gemeinschaftsproduktion zusammen mit fünf Schauspielern des Ensembles, dem Regisseur, den Ausstattern, realen Akteuren aus der Themenwelt und Politikern entstand. Drei Wochen lang vertieften sie sich in Akten und Protokolle, führten Gespräche, improvisierten szenische Darstellungen, versuchten sogar die Gründung einer Partei nachzuvollziehen. So entstand ein enthüllender Blick in eine Welt, die von den Medien nur scheinbar ausgeleuchtet wird. Die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen flossen in die Arbeit des Autoren ein. Das Publikum bedachte die Premiere mit starkem Beifall.

Welchen Stellenwert haben Freiheit und Demokratie heute in einer Welt voller subtiler, nur schwer wahrnehmbarer Zwänge? Wie steht es um die Ausübung von Macht angesichts menschlicher Unzulänglichkeit? Sind die Gewählten "Erwählte", oder gar "Auserwählte"? Das Stück zeigt das schonungslose Spiegelbild eines Systems, das Demokratie und Menschenwürde in Sonntagsreden preist, sich dann aber in aberwitzigen Machtkämpfen und menschlichen Abgründen verliert.

Angesichts des Jahrestages der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die wohl zum Dunkelsten in der deutschen Geschichte gehört, mag Demokratiekritik irritieren. Allerdings ist die Auseinandersetzung in diesem Stück mit Egoismus, Angst, Gleichgültigkeit, Mobbing oder Realitätsverlust, gerade deshalb so wichtig, weil die mühsam errungene Freiheit nach 80 Jahren kaum noch Wertschätzung genießt.

So realitätsnah sich Gisela Hess, Katharina Schlothauer, Sebastian Reck, Axel Strothmann und Peter Weiss unter der Regie von Enrico Stolzenburg mit schauspielerisch hervorragenden Leistungen einbringen, überdeckt dies doch nicht eine Schwäche des Stücks. Menschliche Unzulänglichkeiten mögen für das Scheitern demokratischer Prozesse mit verantwortlich sein, nicht minder ursächlich sind jedoch ausgeklügelte politische Strukturen, die nur dem Machterhalt dienen.

Der Mensch lebt seit jeher im Spannungsbogen zwischen Unterwerfung und Herrschaft. Freiheit ist das Ziel, Demokratie das Instrument in diesem dialektischen Zusammenhang, das die Antagonismen austariert. "Die Fraktion" ist trotz geschliffener und pointierter Dialoge keine leichte Kost. Das Lachen gefriert mitunter im Umfeld von Hoffnungs- und Machtlosigkeit. Für kontroverse Diskussionen, ob der Mensch in der Lage ist, in Freiheit eine Gesellschaft zu gestalten, ist das Stück jedoch bestens geeignet.

Weitere Vorstellungen am 1., 16. und 23. Februar.