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Grenzgängerfestival in Magdeburg Provokanter Grenzgang berührte das Publikum

29.08.2011, 04:47

Von Renate Bojanowski

Magdeburg. Eine Kirche spiegelt das menschliche Dasein aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie vereint Kunst wie Kultur, Moralvorstellungen und Philosophien. Im besten Fall ist es ein Raum vielfältiger Begegnungen, wie am vergangenen Freitagabend in der vollbesetzten Pauluskirche in Magdeburg-Stadtfeld.

Dort trafen "Grenzgänger" mit einer Präsentationsveranstaltung anlässlich ihres 15. Kleinkunstfestivals auf ein aufgeschlossenes Publikum. Unter dem Motto "Zwielicht" boten das Rossini–Quartett (Streichquartett), die Mezzosopranistin Undine Dreißig, Atsuko Koga (Flöte), Yoichi Yamashita (Violine), Tilmann Schneider (Trompete), Reinhard Seehafer (Cembalo), Dobrin Stanislawow (Didgeridoo, Panflöte, Oceandrum) und Christian Poewe (Lyrik - Darbietungen) alles andere als ein "zwielichtiges" Musikprogramm.

Und doch blieb jener undefinierbare Bereich zwischen hell und dunkel, bewusst und unbewusst, Wirklichkeit und Traum immer präsent. Spannend, wie Dobrin Stanislawows Improvisationen mit Didgeridoo und Oceandrum den Zuhörer entführte in eine Welt zwischen Sehnsucht und Wahrhaftigkeit, verstärkt durch den eindringlichen Klang der Panflöte oder bewegenden Obertongesang fern von jeglicher Sentimentalität.

Faszinierend, wie die Akustik der Kirche die sinnlich–sphärischen Klänge trug und der Künstler so scheinbar Bilder von endlosen weißen Sandstränden malte und Meeresrauschen hörbar machte. Edel glänzte Yoichi Yamashitas Violin–Ton, zart und schwärmerisch zugleich, nicht nur während der Interpretation des Wagnerschen "Siegfried–Idylls."

Voluminös und mit lebendiger Virtuosität interpretierte Atsuko Koga das Flötenkonzert D – Dur "Il Gardellino" von Antonio Vivaldi, aufmerksam begleitet vom Rossini–Quartett und Yoichi Yamashita. Rund und voll erhob sich der klare Mezzosopran von Undine Dreißig sowohl in Robert Schumanns Vertonung von Josef von Eichendorffs Gedicht "Zwielicht" als auch in Reinhard Seehafers Komposition nach einem Text von Mechthild von Magdeburg.

"Die Wüste hat zwölf Ding" offenbarte durch Seehafers Komposition jene Spiritualität, die gleichsam mysteriös und geheimnisvoll wirken, aber auch Kraft und Zuversicht geben kann. Ein Grenzgang, in den sich die ausdrucksvollen Lyrik–Rezitationen von Christian Poewe stimmig einfügten, zum Innehalten und Nachdenken anregten.

Das Publikum applaudierte lange und herzlich einem sehr gelungenen Programm, das mit seinen vermeintlichen Brüchen provozierte, mit seinen Gratwanderungen der Seele nachspürte und einfühlsam genug das Publikumsherz berührte. Ein professioneller Tanz auf dem Seil, für den auch der Zuhörer gern mal seine Hörgrenzen überschritt.