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Literatur-Nobelpreis für Thomas Tranströmer Schwedens berühmtester Lyriker

Von Thomas Borchert 07.10.2011, 04:24

Er ist ein Lyriker aus Schweden - und jetzt der Gewinner des Literaturnobelpreises: Tomas Tranströmer. Der 80-Jährige kann nach mehreren Schlaganfällen kaum mehr sprechen. Von Krankheit gezeichnet, hat er weiter gedichtet. Die Auszeichnung ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro dotiert und wird traditionell am 10. Dezember in Stockholm überreicht.

Stockholm (dpa). In Stockholm glaubten viele, dass die Nobelpreis-Jury dem schwerbehinderten und inzwischen 80 Jahre alten Tomas Tranströmer die Aufregung um den wichtigsten Literaturpreis der Welt ersparen wollte. Abgesehen davon war lange klar, dass Schwedens berühmtester Lyriker den Nobelpreis wie wenige verdient hat. Jetzt ist die Auszeichnung da - und bei der Bekanntgabe brandete Jubel auf.

Zum 80. Geburtstag am 15. April schenkte Schwedens Regierung Tranströmer einen Professorentitel. Sein Schriftstellerkollege Lars Gustafsson schrieb in "Dagens Nyheter": "Er ist ein Mystiker, ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist." Schwedens größte Zeitung "Aftonbladet" nannte Tranströmer den "Poet, den alle lieben".

"Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges", meinte der Kritiker Heinrich Detering in der "FAZ", als Tranströmers sehr schmaler Gedichtband "Das große Rätsel" in deutscher Übersetzung erschien.

Abgerungen hat sich der Schwede die Gedichte, die nach der Erkrankung entstanden sind, in einem mühsamen und komplizierten Prozess mit seiner Frau Monica Bladh-Tranströmer. Der leise Poet kann nach mehreren Schlaganfällen kaum mehr als "Ja" oder "Nein" sagen. Trotzdem sind seitdem mehrere Gedichtbände erschienen, meist in der strengen minimalistischen japanischen Haiku-Form, sowie auch seine Autobiografie "Die Erinnerungen sehen mich". Nach seinem Debüt als Lyriker 1954 dauerte es fast drei Jahrzehnte, ehe die Kritik auch international auf Tranströmer aufmerksam wurde. Die ersten Berufserfahrungen sammelte er Mitte der 50er Jahre als Mitherausgeber einer Zeitschrift in Uppsala. Anfang der 60er Jahre arbeitete der studierte Psychologe und Literatur- sowie Religionswissenschaftler zunächst als Anstaltspsychologe für jugendliche Strafgefangene. Von 1966 bis zu seinem ersten Schlaganfall schrieb er Gedichte, halbtags war er als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern tätig.

Anfang der 70er Jahre wurde es im Gefolge der 68er-Bewegung deutlich ruhiger um Tranströmer, der politisch niemals in Erscheinung getreten ist. Erst in den 80er Jahren "entdeckten" Kritik und Publikum ihn neu. 1981 erhielt der Schwede den deutschen Petrarca Preis, 1990 den Literaturpreis des Nordischen Rates und 1992 wiederum in Deutschland den Horst-Bienek-Preis.

In seinen vom Umfang her ebenfalls sehr knappen Erinnerungen heißt es: "Mein Leben. Wenn ich dieses Wort denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen mit Kopf und Schweif." Der Kopf sei die Zeit des Heranwachsens, der Kern, sein dichtester Teil, die sehr frühe, entscheidend prägende Kindheit. "Weiter hinten verdünnt sich der Komet - das ist der längere Teil, die Zeit unseres Erwachsenenlebens."

Seine Gedichtbände sind in rund 50 Sprachen übersetzt. In Deutschland ist seine Lyrik sowie seine Autobiografie ("Die Erinnerungen sehen mich") beim Hanser Verlag (München) erschienen.

"Es ist großartig, schlicht überwältigend", sagte Verlagssprecherin Christina Knecht in München. Sie sprach von einer "beglückenden Entscheidung". "Wir müssen sofort nachdrucken."

Deutschlands bekanntester Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gab zu, dass er Tranströmer nicht kenne. "Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist", sagte der 91-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.