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Jan Josef Liefers gastierte auf der Seebühne im Elbauenpark Soundtrack einer Kindheit

18.07.2011, 04:36

Das Magdeburger Publikum folgte am Freitagabend dem "Soundtrack" aus der Kindheit von Jan Josef Liefers und seiner Band Oblivion und füllte die Seebühne im Elbauenpark. Charmant und ebenso authentisch nahm der smarte Schauspieler und Sänger sein Publikum mit auf eine Zeitreise, die ganz ohne Verklärung auskam.

Von Renate Bojanowski

Magdeburg. Man nehme eine Auslese der markantesten Rocksongs und Balladen der DDR, spannende, zum Teil auch triviale, aber immer sehr persönlich geprägte Geschichten aus der Kindheit und Jugend eines Protagonisten und kombiniere die Mischung ebenso durchdacht wie wohl dosiert mit privatem Super- acht-Filmmaterial und Originaltönen aus den tiefen siebziger Jahren des gerade vergangenen Jahrhunderts – schon hat man den eingangs beschriebenen "Soundtrack".

Bei Liefers‘ Zeitreise "öffneten sich Türen zur Stadt" ausgerechnet in einer "Notenbank". Letztere bezeichnete eine Sendung im DDR–Fernsehen, in der im Jahr 1970 die Puhdys mit ihrem gleichnamigen Song ihre Premiere hatten und der kleine Jan Josef eingeschult wurde.

Es folgten Anekdoten, die wohl jeder Zuschauer in ähnlicher Manier erzählen könnte. Allein deswegen fesselten sie so, fühlte man sich dem Mimen ganz nah. Wer von den zahlreichen gleichaltrigen Zuschauern liebte und litt nicht mit "Paul und Paula" oder wäre gern wie "Renft" in ihrer berühmten Ballade ein Vogel gewesen.

Natürlich konnte der Sänger Liefers mit dem zart rauchigen Timbre in der unverwechselbaren Stimme den Schauspieler nicht verleugnen. Das Publikum amüsierte sich angetan während des gekonnt in Szene gesetzten "Und ich liebe Dich" von Karat (der Dame aus dem Publikum sei Dank) oder dem militärischen Brüller in waschechtem Sächsisch in der Geschichte zum Unterrichtsfach "Wehrerziehung".

Nur ein wenig Fantasie war nötig, um bei der schaurig-bildhaften Beschreibung Liefers‘ Gitarrenlehrer direkt vor Augen zu sehen; nur ein wenig Erinnerung genügte, um bei der Erkennungsmusik zum berühmt-berüchtigten "Schwarzen Kanal" zu erschauern.

Liefers sparte nicht mit Kuriositäten, Raritäten und würzte alles mit einem Schuss Selbstironie. Auch für eine Kostprobe des "Lipsi- Schritts" war er sich nicht zu schade. Wie konnte man in dieser Zeit glücklich sein, ohne sich allzu sehr verbiegen zu lassen? Der Ostdeutsche lernte die wunderbaren Methaphern in Balladen wie "Am Abend mancher Tage" oder "Mein Herz soll Wasser sein" der Gruppe Lift verstehen und lieben. Jubelnd empfing das Publikum den Frontmann der Kultband: Werther Lohse. Besonderes Highlight des Abends: Jan Josef Liefers und Werther Lohse im Duett! Hört man den Texten heute nach, spürt man eine aufhebenswerte Zeitlosigkeit in ihrer Poesie. Das macht ihre Einzigartigkeit aus!

Einzigartig auch die Musik der Gruppe Silly während dieser Zeit: "Schlohweißer Tag", "Die Ferne" und "Traumpaar" führen von den späten Achtzigern bis ins Jahr 1993 und fügen sich in das Gesamtrepertoire der inzwischen gesamtdeutschen Band. Liefers und seine fünf sehr flexiblen Musiker versahen alle Songs mit ihrem ganz eigenen Charakter, rockten die Seebühne ohne abzuheben. Sie beherrschten wilde Rockmusik ebenso wie zarte Melancholie und strahlten Wärme aus. Ein wunderbarer Abend, der die einen mitnahm auf den Weg zur Selbsterkennung und die anderen, um ihren (nicht nur musikalischen) Horizont zu erweitern. Das war dem Publikum anhaltenden Applaus wert.