Interview mit Moritzburg-Direktor Michael Freitag über seine Pläne für das Kunstmuseum "Sucht nicht nach einer Lichtgestalt!"
Seit Anfang des Jahres leitet Michael Freitag als Interimsdirektor das Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt in Halle. Im Interview mit Uta Baier erklärt er, warum die Besucherzahlen dramatisch einbrachen, welche Veränderungen nötig sind und was das Museum künftig braucht.
Volksstimme: Wie arbeiten Sie mit dem Wissen, dass es nur kurzfristig ist?
Michael Freitag: Kurzfristig oder nicht: Die Probleme sind das Problem - an jedem einzelnen Tag.
Volksstimme: Was können Sie überhaupt in so kurzer Zeit ändern?
Freitag: Auch in kurzer Zeit lässt sich vieles ändern, wenn die Angst vor Veränderungen die größte Autorität im Hause war. Diese Unentschlossenheit ist auf allen Ebenen zu durchbrechen.
Volksstimme: Was sind, aus Ihrer Sicht, die dringendsten Veränderungen, die die Moritzburg braucht?
Freitag: Wir erarbeiten ein Konzept. Die Musealisierung der Klassischen Moderne ist das eine - wo und wie jedoch wird ihr Impuls aufgenommen? Welche Idee haben wir selbst zur zeitgenössischen Kunst? Der Umbau der Sammlungspräsentation hat das Ziel, die Gesamtheit unserer Bestände in einer klaren Raumstruktur sichtbar zu machen und bisher unterrepräsentierte Bereiche wie Skulptur, Grafik oder Kunsthandwerk stärker zu akzentuieren.
"Vieles wurde notgedrungen überstürzt umgesetzt."
Volksstimme: Es gab auch bisher Ausstellungen aus dem Bestand und auch mit zeitgenössischer Kunst.
Freitag: Es gab alles, aber alles ohne Konzept. Wir konnten oft am Ende des Vorjahres keine gültigen Aussagen für das Folgejahr treffen. Vieles wurde notgedrungen überstürzt umgesetzt. Vorausschauende Planung für vorausschauende Öffentlichkeitsarbeit wären also die ersten Änderungen: Heute haben wir einen Plan bis einschließlich 2015.
Volksstimme: Sie haben bereits angekündigt, stärker in regionalen Zusammenhängen arbeiten zu wollen. In welchen? Und warum?
Freitag: Warum? Weil wir ein Landesmuseum sind. Ein Beispiel wäre die Ausstellung "Heilige Geschichten. Die Kirchenbilder aus Schmirma" von Karl Völker - eine spätexpressionistische Kirchenausstattung ohne Vergleich. Die Bilder sind 1921/22 entstanden und haben alle bilderfeindlichen Zeiten überlebt dank einer Gemeinde, die sie schützte. Jetzt werden sie zur Restaurierung abgenommen. Erstmals und dann nie wieder kann man diese Werke ab Oktober in der Moritzburg aus der Nähe betrachten.
Hier kommt alles zusammen, was ich mit einer stärkeren Aufmerksamkeit für die regionale Verwurzelung des Landesmuseums meine: Etwas Übersehenes aus der regionalen Kunstgeschichte, das sich wiederum im Kontext der Sammlungsschwerpunkte bewegt, hier der Klassischen Moderne.
"Ausstellungen, die Identifikation ermöglichen."
Volksstimme: Sie haben als Ziel formuliert, das Museum in die Stadt zurückzubringen - wo ist es momentan?
Freitag: Im Aufbruch. Das Museum befand sich bisher im Abseits der reinen Selbstbeschäftigung. Das wollen wir ändern. Mit gemeinsamen Aktionen, mit Festen, mit Initiativen, auch mit Ausstellungen, deren Vielgestaltigkeit nicht nur Interesse, sondern auch Identifikation ermöglicht.
Volksstimme: Ihre Ausstellungsprojekte des vergangenen Jahres (Hölderlin, Leopoldina) waren sehr interessant, aber - betrachtet man die Besucherzahlen - für das Publikum nahezu bedeutungslos. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Freitag: Nicht nur meine Projekte, sondern alle Ausstellungen der letzten Jahre sind für ein Landesmuseum, nach Besucherzahlen beurteilt, "nahezu bedeutungslos" geblieben. Daran zeigt sich das Übergreifende des Problems. Nicht die Güte der einzelnen Konzepte war entscheidend, sondern das Fehlen eines Zusammenhangs mit dem Haus: Im Hintergrund erstarrte Sammlungen, im Vordergrund der Aktivismus exklusiver Projekte. Das eine verlor seine Attraktion, das andere überforderte das Publikum. Infolge dessen blieb es aus.
Volksstimme: Welche Pläne haben Sie, um das Museum überregional interessanter zu machen?
Freitag: Fragen Sie das in drei Monaten noch einmal. Jetzt geht es erst einmal dramatisch um die Wiederherstellung von musealen Standards, von denen aus wer auch immer ab 2014 nach der Welt greifen kann.
Volksstimme: Werden Sie sich um die Stelle des Direktors, die Mitte des Jahres neu ausgeschrieben wird, bewerben?
Freitag: Ich weiß es noch nicht.
Volksstimme: Haben Sie denn Erfahrungen mit internationalen Kooperationen? Wie international vernetzt sind Sie?
Freitag: Die Frage kommt jedes Mal. Warum? War irgendwer vor mir in dieser Funktion international vernetzt? Sind die neuen Direktoren vergleichbarer Häuser in Erfurt, Cottbus oder Altenburg Weltgeistkuratoren? Wie ratlos muss man sein, um nach einer Lichtgestalt zu suchen?
Ich bin Mitglied der Internationalen Kritikerorganisation AICA, habe zehn Jahre lang als Mitherausgeber einer auch in der Schweiz und in Österreich vertretenen Kunstzeitschrift gearbeitet. Ich habe als Kritiker, Redakteur, Kurator und Sammlungsleiter gearbeitet und eine Publikationsliste von über 200 Nummern zur Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts - wo ist das Problem?