Magdeburg l Das Stück beginnt, ohne dass es eigentlich beginnt. Die Schauspieler schleppen Requisiten, während die Zuschauer im Theater Platz nehmen. Mannshohe Metallwinkel werden wortlos immer wieder von hier nach da verschoben, begrenzen Räume, eröffnen neue. Stühle und Tische stehen in eine Reihe, werden wieder weggenommen, neu drapiert. Das Ganze ist in einer verwirrenden Choreographie organisiert, die scheinbar weder Ziel noch Sinn hat. Allmählich dämmert dem Theaterbesucher im erleuchteten Zuschauerraum, dass die Handlung längst begonnen hat. Aber schon mit den ersten Worten wird deutlich, was hier passiert.

Es ist der alltägliche Trott einer Arbeit, deren Sinn sich längst in komplexen kapitalistischen Strukturen verloren hat. Tu, was man dir sagt, und frage nicht. Beschäftigung um ihrer selbst willen, deren Ziel nicht erkennbar ist, Bewegung um jeden Preis, auch den der Nutzlosigkeit. Warum das alles, und für wen? Für den Staat, damit der Schulen und Straßen bauen kann? Wirklich? Kann man dem Staat vertrauen? Das sind die Fragen, auf die es keine Antworten gibt, was Wut erzeugt. Eine Wut ohne Richtung, außer der Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit.

Das ist der Hintergrund, vor dem das Stück der beiden französischen Autoren und Zeichner François Durpaire und Farid Boudjellal, das auf das Comicbuch „La Présidente“ als „Was-wäre-wenn-Szenario“ zurückgeht, den Beinahe-Wahlsieg von Marine Le Pen mit all seinen fiktiven Folgen zu erklären versucht.

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Crombholz setzt sich ein Denkmal

Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz hat sich als Regisseurin mit dieser enorm aufwendigen Zweieinhalb-Stunden-Inszenierung ausgangs ihrer letzten Spielzeit in Magdeburg ein Denkmal gesetzt. Zwar ist es nicht das letzte Stück, für das sie hier Verantwortung trägt, aber mit Sicherheit eines der bedeutendsten. Und das nicht nur, weil diese Uraufführung Höhepunkt der renommierten Ruhrfestspiele in Recklinghausen war, oder weil die Protagonistin Corinna Harfouch als Präsidentin Le Pen mit einer schier unglaublichen Verwandlungsvielfalt dieser Dystopie den charismatischen Stempel einer tragikomischen Farce aufdrückte.

Übrigens: Corinna Harfouch spielte in über 80 Film- und Kinoproduktionen mit den besten deutschen Regisseuren und Regisseurinnen, und sie zeigt in diesem Stück in Magdeburg, weshalb sie als Schauspielerin so begehrt ist. Das gilt darüber hinaus aber auch für die anderen Akteure auf der Bühne, die allesamt mit einer unglaublichen Kraftanstrengung den alltäglichen Wahnsinn des Politikbetriebes als eine bitterböse Groteske charakterisieren, bei der man herzlich lachen könnte, wenn der Hintergrund nicht so menschenverachtend ernst wäre.

Crombholz ist eine höchst politische Regisseurin. So bleibt sie sich auch treu, wenn sie diese französische Fiktion immer wieder, wie mit schmerzhaften Nadelstichen, zu Sachsen-Anhalt in Bezug setzt. Neben Corinna Harfouch spielen sich dabei Antonia Schirmeister, Christoph Förster, Marian Kindermann, Daniel Klausner, Oliver Niemeier, Ralph Opferkuch, Thomas Schneider und Burkhard Wolf, bildlich gesprochen, die Seele aus dem Leib. Dieses Stück verlangt von den Schauspielern alles, und die sprühen vor Spielfreude.

Was würde passieren, wenn Frankreich von einer Präsidentin Le Pen regiert würde? Was wäre, wenn der Frexit, wie bei der Wahl versprochen, vollzogen wäre, wenn es zu Massenausweisungen käme, wenn Frankreich aus der Nato austräte? Wie würde das dem Euro bekommen?

Große Unterhaltung

Die Autoren machen allerdings ebenso deutlich, dass die Präsidentin allenfalls eine Marionette im Spiel der rechtsextremen Hintermänner um die Gier nach Macht und Geld ist. Voller Angst vor der Verantwortung, die plötzlich auf ihren Schultern liegt, zögert sie, den Atomkoffer an sich zu nehmen, um gleichzeitig in einer Art Slapstick-Komödie aus der Schar der Intriganten und Speichellecker eine Regierung zu bilden. Es ist gar nicht nötig, diese Mechanismen künstlerisch zu überhöhen, damit sie ihr Wesen offenbaren, der tägliche Blick in die Nachrichten zeigt, wie dicht Theater und Realität hier beieinander sind.

Die Medien, ihre Rolle beim Aufbau und Sturz der Politikprotagonisten, ganz gleich welcher politischen Coleur, sind in dem Stück allgegenwärtig. Beständig wird das Geschehen auf der Bühne von der stets präsenten Fernsehkamera mit höchst wirkungsvollen Videosequenzen einflussgerecht serviert. Das bereitet dem Zuschauer wegen der dauerhaften Nachrichtenüberflutung hier und da Kopfschmerzen, allerdings spiegelt auch das nur das tägliche Erleben künstlerisch wider.

„Die Präsidentin“ ist keine leichte Theaterkost. Sie fordert den Zuschauer, häufig schmerzt sie auch mit ihrem brutalen Realismus. Aber gerade deshalb, in dieser Ambivalenz von hohem Unterhaltungswert und bitterem Beigeschmack, zeigt sich politisches Theater der Sonderklasse. Auf diese Inszenierung kann das Magdeburger Theater stolz sein.