Wernigerode l Armreifen aus Silber, mit floralen Gravuren verziert und Köpfen von Drachen. In deren Häupter sind Türkise eingesetzt, jene Steine, die in vielen Kulturen Asiens als segensreich erachtet werden. Sie sollen Gifte unwirksam machen und gefährliche Dämonen abwehren. Kein Wunder, dass Türkise mit ihrer himmelblauen Farbe in der Ausstellung „Magie vom Dach der Welt“ immer wieder zu sehen sind.

Nicht nur in kleinen Zopfringen und Ohrpflöcken, Amulettbehältern, sondern auch im imposanten 1,7 Kilogramm schweren Kopfschmuck, der prachtvoll ausgestattet ist mit Türkisen, Bernstein, Silber, Perlmutt und kleinen, aufwändig bearbeiteten 20 .000 Süßwasserperlen. Der Kopfschmuck ist Symbol für den Rang der Dame. Er stammt aus dem 20. Jahrhundert.

Zusammenarbeit mit Augsburger Museum

Nicht alles ist so jung datiert in der Sonderausstellung im Schloss Wernigerode. Manches reicht zurück ins Mittelalter, die ältesten Exponate sogar ins 1. Jahrhundert vor Christus. Nicht nur der zeitliche Rahmen ist weit gespannt, auch der räumliche. Es geht um den tibetischen Kulturraum, der über das damit gemeinhin angenommene Gebiet des autonomen Tibet in China hinausreicht und Regionen in Indien, Nepal, Bhutan umfasst.

Tibet im Schloss Wernigerode ist mittlerweile keine ungewöhnliche Ausstellung mehr. Sie reiht sich vielmehr ein in ein Konzept, das schon mehrfach in ferne Welten führte. Indischen Maharadschas und deren wertvoller Schmuckkunst folgte historische Hinterglasmalerei aus China. Indien, China und jetzt Tibet sind eine Zusammenarbeit mit den Augsburger Kunstsammlungen. Bis zum 4. November wird die Tibet-Schau in Wernigerode gezeigt, danach zieht sie nach Augsburg um.

Bis November also haben Besucher Zeit, diesem uns fremden Kulturraum zu begegnen. Es sind nicht nur die Ausstellungsstücke, die die Kunst und Kultur vom Dach der Welt nahebringen, es sind auch die Fotografien von Kurator Hans Weihreter, die die Ausstellungsstücke ergänzen.

Weihreter war vier Jahrzehnte in den Ländern des Himalaya und in Indien unterwegs und tauchte tief in die Kultur dortiger Völker ein. Er zeigt Landschaften mit ihrer für Europäer unvorstellbaren Weite und Leere und er lässt uns immer wieder in die Gesichter der Bauern und Nomaden in den unwirtlichen Hochländern schauen. Hart sind die dortigen Lebensbedingungen.Frauen sind auf den Fotografien zu sehen mit dem prachtvollen Kopfschmuck, dann bei der Arbeit. Sie melken Yaks. Gegenüber in der Vitrine ist ein mit Korallen, Silber und Leder besetztes Gürtelgehänge für den Melkeimer ausgestellt.

Es war wie die handwerklich qualitätsvoll gearbeiteten Börsen ein Gebrauchsgegenstand. Wer kunstvolle Lederbörsen, Essbesteck, Tassen, Feuerzeugtäschchen näher betrachtet, entdeckt nicht nur florale Motive, sondern auch Fische und Vögel – und stilisierte Insekten, mit denen sich die Menschen vor gefährlichen Erddämonen schützen wollten. Magischer Schutz war und ist allerorten wichtig und auch in den Symbolbildern auf dem prachtvollen Reitsattel (um 1520) zu sehen.

Es geht um Kunst und Kultur in dieser Ausstellung, vordergründig nicht um Politik. Die Schau wird von der Tibet-Initiative unterstützt, und am Ende des Rundgangs liegen Flyer aus, die an die gewaltsame Besetzung Tibets durch China im Jahr 1949/50 erinnern, ebenso an Terror, Gewalt, Zerstörung von Klöstern, an Repressionen.

Zur Ausstellungseröffnung hatte Claudia Roth (Grüne), Vize-Präsidentin des Bundestages und Botschafterin der Tibet-Initiative, den Ausstellungsmachern in Wernigerode und Augsburg Dank gesagt dafür, dass sie der so vielfältigen tibetischen Kunst eine Plattform geben, „die sie wirklich verdient“.

Die Sonderausstellung „Magie vom Dach der Welt. Der tibetische Kulturraum“ ist bis zum 4. November im Frühlingsbau des Schlosses Wernigerode zu sehen. Zur Ausstellung ist ein 255-seitiger Katalog im Verlag Janos Stekovics mit Fotografien des Verlegers erschienen.