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Oper Traum von Rache und vom Tod

Zum ersten Mal in Magdeburg: Aniara Amos brachte Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ auf die Bühne.

Von Irene Constantin 23.10.2015, 23:01

Magdeburg Mit einem spitz gezackten musikalischen Schrei aus dem Orchestergraben, mit dem Agamemnon-Akkord rauscht ein blutroter Seidenvorhang nieder: ein fulminantes Bild, zum Luftanhalten. Sichtbar wird ein bunkerartiger Rundbau mit oberem Umgang, in der Ferne eine undefinierbar leere Landschaft; großartiges Bühnenbild von Corinna Gassauer.

Wir befinden uns gleichzeitig im antiken Mykene 20 Jahre nach dem Trojanischen Krieg und in Elektras von Rachegedanken verwüsteter Seele. Heimkehrend aus dem Krieg wurde Elektras Vater Agamemnon von seiner Frau Klytämnestra und deren Liebhaber Aegisth ermordet. Seither wartet Elektra auf den Bruder Orest, der den Mord am Vater durch einen Mord an der Mutter und an Aegisth rächen muss. Als kleines Kind wurde Orest zu Pflegeeltern gegeben; Aegisth hätte ihn getötet. Nichts anderes hat Raum in Elektra als das Warten und die tägliche Anrufung des toten Vaters. Am Ende kommt Orest und vollzieht die Rache. Elektras leeres Leben wird noch leerer, todesleer.

Aniara Amos hat das knapp zweistündige, einaktige Werk als den Rache- und Todestraum der Elektra inszeniert. Elektra hat Doppelgängerinnen, sie imaginiert sich selbst, ihre jüngere Schwester Chrysothemis und den Bruder Orest als Kinder, sieht den Vater als geschniegelten General.

Amos’ Bildersprache ist durch ihre Zusammenarbeit mit dem Theatermagier Achim Freyer inspiriert. Der Auftritt des erwachsenen Orest als personifizierter Tod, die Phantasiefiguren der Diener, der Vertrauten, der Schleppträgerin weisen auf Freyer (Kostüme: Maria-Elena Amos).

Ganz eigen ist Aniara Amos’ analysierend psychologischer Zugang. Die Regisseurin setzt mit ihrem Elektra-Bewegungschor das innere Rasen der Figur um, mit der Erscheinung der Kinder das kristallisierte In-eins-Fallen von Gegenwart und Vergangenheit.

Zwei bedeutsame kommunikative Inseln mit je eigener Musiksprache gibt es dennoch. Chrysothemis, für den Textdichter Hofmannsthal der Gegenentwurf zur tödlichen Erstarrung, klagt der Schwester kantilenenleuchtend ihr Leid. Sie will lieben, Kinder gebären, in den Kreislauf des Lebens eintreten.

Das schwarze Gegenstück zu diesem Lichtblick ist der musikalisch raunende, beschwörend dunkel getönte Besuch Klytämnestras bei Elektra. Die Mutter kennt die Klugheit ihrer Tochter. Albtraumgeplagt schlaflos sucht sie ausgerechnet bei ihr Heilung.

Elektras dritte Begegnung, das blitzschlaghaft aufjauchzende Wiedererkennen des heimgekehrten Orest, läuft, das muss man als Zuschauer ertragen können, fast körperlos ab. Sie umarmt ihr Traumbild, Orest als seidenfeines Knabenbild, als kleinen Richard Strauss.

Klytämnestra, Chrysothemis, Elektra – Undine Dreißig, Noa Danon, Elaine McKrill – diese drei grandiosen Frauen beherrschten die Bühne musikalisch.

Dreißigs beweglich sinnlicher Ton signalisierte hier einerseits Unsicherheit, andererseits die völlige Ausblendung von Gefahr, noch in quälender Schwäche ist die Königin selbstsicher bis zur Ignoranz. Großer Auftritt.

Noa Danon ist die vokale Lieblichkeit selbst, himmelweit entfernt von Elektras Rache-Obsession. Jung und ängstlich beharrt sie dennoch mit zärtlicher Stimme zäh auf ihrem Lebenswillen.

Elektra ist eine der forderndsten, größten Partien im gesamten Opernrepertoire. Klug die Kräfte einteilend vermochte sich McKrill bis zu fragloser Großartigkeit zu steigern. Hysterische Selbstvergessenheit beim Besingen ihres zerstörten Lebens, triefende Giftigkeit gegen Klytämnestra, grandiose Attacke beim Erkennungsruf „Orest!“ – es fehlte nichts.

Martin-Jan Nijhof und Michael Gniffke als Orest und Aegisth einprägsam besetzte mittlere und kleinere Nebenrollen. Das schwierige Ensemble der Mägde überzeugte in Gesang und Spiel.

Michael Balke und das Orchester – man spielt in der von Strauss autorisierten kleineren Besetzung – ließen anfangs ein paar eher ordentliche als leidenschaftliche Passagen hören, ehe der kontrollierte Klangrausch ganz und gar überzeugend Platz greift. Dann aber trat das Orchester seine treibende, das Geschehen dominierende Rolle an. Ein paar feine Farbenspiele waren zu hören, vor allem aber die so wichtigen hell strahlenden Energiestöße der Bläser. Eine große Leistung, mit großem Beifall belohnt.