Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto dirigierte erstmals Magdeburger Gedenkkonzert Und so sprang der Götterfunke über
Mit einem der Zukunft zugewandten Konzert hat die Magdeburgische Philharmonie an die Zerstörung Magdeburgs erinnert.
Magdeburg (ulö) l "Dass dieses Werk in Magdeburg jedes Jahr aufgeführt wird, von einem Orchester und einem Chor, die es wirklich gut kennen, ist absoluter Luxus für mich. Wir spielen und beten für den Frieden!", bekannte vorab Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto in erwartungsvoller Anspannung.
Magdeburgs Zerstörung am 16. Januar 1945 gedenkend, dirigierte er hier nun erstmalig das traditionelle Konzert mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie d-Moll op. 125. Immer wieder auch ein musikalisches Ereignis, das das Magdeburger Opernhaus bis auf den letzten Platz füllte.
Die Idee von der Freude und der weltumspannenden Brüderlichkeit aller Menschen verbindet. Kaum ein anderes Werk hat eine solche Ausstrahlung weit über die musikalische Wirkung hinaus erreicht.
Das Orchester kam in einen Schwebezustand
Ein Blick in die Interpretationsgeschichte der 9. Sinfonie zeigt zudem, wie schwierig das Werk auch musikalisch zu fassen ist. Die Frage nach den richtigen Tempi ist so alt wie ihre Aufführungsgeschichte (UA 1824 in Wien). Und ein Vergleich der zahlreichen Aufnahmen beweist, dass ihr mit geschliffener Perfektion eben auch nicht beizukommen ist.
Und so entschied sich Eto für eine zupackende und fließende Interpretation, die Transparenz und Zäsuren nie missachtete. Die deutsche (auch antiphonische oder europäische) Orchesteraufstellung, bei der die 1. Violinen den 2. Violinen gegenüber sitzen, die Kontrabässe hinter den 1. Violinen, die Bratschen üblicherweise neben den 2. Violinen und die Celli in der Mitte, förderte die effektvolle Klangbalance.
Schön, wie sich im Allegro die Instrumentengruppen die Motive nur so zuwarfen. Die Streicher spielten im Scherzo präzise wie ein Uhrwerk, die Fagotti und Holzbläser schön konzertant, die offenen Hornstellen sind gut gemeistert worden.
Der Auftritt der Gesangssolisten in den Konzertsaal erst vor dem 3. Satz und dem sich anschließenden Finale ist immer wieder ein störender emotionaler Bruch. Nun, dafür entschädigte der zauberhafte dritte Satz, ein Adagio molto e cantabile, das Orchester kam in einen Schwebezustand, alles floss ineinander. Schließlich ist das finale Presto zweifelsohne der Höhepunkt der Sinfonie, ob der fantastischen Vertonung Schillers "Ode an die Freude". Farbenreiche Register hat das Orchester noch einmal zu ziehen, im Tutti rhythmisch kraftvoll, aber dennoch hymnisch, allen voran Celli, Pauken und Trompeten - toller Abbruch dessen, von Flöte und Violinen zart abgefangen.
Drei Chöre waren perfekt einstudiert
Dann die menschliche Stimme! Das solistische Gesangsensemble überraschte komplett aus eigenen Reihen mit Kartal Karagedik (Bass), einem sicheren Fundament für das Solistenquartett. Tenor Ilja Werger ist ein wohlklingender klarer Tenor, der sich auch dem Chor gegenüber behauptete. Hale Soner (Sopran) und Susanne Drexl (Alt) harmonierten sehr gut zusammen, Hale Soner meisterte versiert die extremen Höhen. Im Quartettgesang nuancierte jeder seinen individuellen Freudengesang zum Ganzen. Große Freude und Überraschung des Abends war der Chor beziehungswese die beteiligten Chöre. Der Opernchor des Theaters Magdeburg und die Magdeburger Singakademie (Leitung beide: Martin Wagner) sowie der Magdeburger Kantatenchor (Leitung: Tobias Börngen) waren perfekt einstudiert.
Der heikle Übergang zu "Freude schöner Götterfunken" hat gesessen, da waren schöne dynamische Nuancen bei "Brüder, überm Sternenzelt" mit beeindruckender Begleitung von Celli und Bratschen, auf dem Punkt beim Einsatz "Seid umschlungen, Millionen!", bei "Ihr stürzt nieder, Millionen?" ein guter dramaturgischer Aufbau und alles bei sehr deutlicher Artikulation.
Musikalischer Fluss durch großzügiges Dirigat
Als Solisten und Chor "Alle Menschen werden Brüder" proklamierten, war deutlich, dass Musik mehr auszudrücken vermag, als alle Philosophie. Beim ekstatischen "Schlussritt" setzte der Chor in dieser Masse abermals eine ungeheure Beweglichkeit an, die es dem Orchester um einiges erleichterte.
Kimbo Ishii-Eto hat durch ein großzügiges Dirigat für musikalischen Fluss, Luft und Tempo gesorgt. Und so sprang der "Götterfunke" über, denn es gab minutenlangen und begeisterten Applaus.