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Premiere für Anton Tschechows "Drei Schwestern" am Nordharzer Städtebundtheater Verwirrung und schwierige Assoziationen

Von Hans Walter 12.03.2012, 04:23

Die "Drei Schwestern" von Anton Tschechow am Freitag im Großen Haus Quedlinburg des Nordharzer Städtebundtheaters zerfielen in zwei Teile: In eine derb-kunstgewerbliche erste Halbzeit - und in ein intensives Kammerspiel nach der Pause.

Quedlinburg l Einen Hauch lang hat die erste Inszenierung von Marc Pommerening im Nordharz Poesie: Sie beginnt wortlos mit einigen instrumentalen Takten der "Ballade vom traurigen Sonntag" des ungarischen Komponisten und Pianisten Rezsö Seress, vor mehr als 80 Jahren für ein Café in Budapest geschrieben. Danach setzt bis zur Pause ein Verwirr-, Laut- und Schnell-Sprech-Spiel ein, das man unter Pappkarton-Theater zusammenfassen könnte. Langweilig - trotz des großen Besetzungsaufwands.

Die Irritationen beginnen mit dem Bühnen- und Kostümbild. Eine bühnengroße Schräge ist die Spielfläche, das Haus der drei Schwestern Mascha (Susanne Rösch), Irina (Julia Siebenschuh) und Olga (Illi Oehlmann), ihres resignierenden Bruders Andrej (Benedikt Florian Schörnig) und seiner dominanten Frau Natalja (Claudia Lietz). Ihr verstorbener Vater war Chef der Garnison.

Wie in einem begehbaren Grundriss sind auf der Schräge die Räume eingetragen. Umzug-Pappkartons sollen die Möbel sein. Wenn jemand von einem Raum in einen anderen wechselt oder das Haus verlässt oder betritt, gibt es ein kreischendes Türknarr-Geräusch und pantomimische Darstellung. Nach spätestens dem zehnten Knarzen hat der Zuschauer die Nase voll. Das hat wohl auch der Regisseur gemerkt - schon vor Ende des ersten Teils wird auf Pantomime und Geräusch verzichtet. Endlich! Bei den Trinksitten - Tee, Schampus, Wodka - wirkt beides wenigstens noch originell.

Die Geschwister sind seit elf Jahren zum Leben in der russischen Provinz verdammt und wünschen sich ihr früheres Leben in der Hauptstadt mit allen Fasern ihres Seins zurück. "Nach Moskau! Nach Moskau!" ist ihr Sehnsuchtsruf.

Abwechslung in ihr Leben bringen nur die Offiziere Werschinin (der nach höchster Vollkommenheit Strebende, Andreas Petri), der kunstsinnige Baron Tusenbach, der im Duell sein Leben lässt (Markus Manig), der Nihilist Soljony (der "Salzige" oder der "Eingesalzene"; Jörg Vogel) und der kauzig-weise Militärarzt Tschebutykin (Arnold Hofheinz).

Offiziere halten Volksreden auf dem Papp-Sofa

Doch nach drei Jahren wird die Garnison verlegt. Die Geschwister bleiben allein mit den 100000 langweiligen Einwohnern ihres Provinzkaffs - die fressen, saufen und mit den Frauen ihrer besten Freunde kopulieren. Ihr Schicksal ist unentrinnbar.

Wie gesagt - die Pappkartons sollen Interieur assoziieren und werden in den Zimmerchen hin- und hergerückt. Da steigen die Offiziere denn auch mal aufs Papp-Sofa, halten Volksreden und spielen Speakers Corner. Sie sind von Ausstatter Jürgen Lier überaus merkwürdig kostümiert. Ihre taillierten steingrauen Uniformjacken im Wehrmachtsschnitt haben schmale deutsche Unteroffiziers-Schulterklappen. Wen sollen denn diese vier Wehrmachts- oder NVA-Unteroffiziere assoziieren? Das weiß wohl nur der Künstler allein.

Im zweiten Teil liegen die Geschwister und die Offiziere nach dem Stadtbrand zwischen den Kartönchen im Haus hingebreitet wie die Personage in Brueghels "Schlaraffenland"-Bild. Wenn man die Bilder der Regie und Ausstattung doch entschlüsseln könnte! Sie sind so zufällig wie die Ballade vom traurigen Sonntag im zweiten Teil - nun ausgerechnet auf Ungarisch gesungen. Wollen die Schwestern vielleicht statt nach Moskau lieber nach Budapest?

Erst, als sich die Darstellung auf minimalistisches Kammerspiel besinnt, nimmt die Inszenierung durch Konzentration auf das Wort Fahrt auf. Endlich Spannung! Endlich unglückliches Leben und Sterben! Endlich wird die Differenz zwischen den Geschwistern und dem eigentlichen Leben zum theatralen Ereignis. Leise und behutsam. Ohne Kunstgewerbe. Hier liegt Pommerenings eigentliche Stärke.

Am Ende durchwachsener Applaus im gut besetzten Haus - vier Minuten lang.