Am Magdeburger Opernhaus hatte am Sonnabend "Jenfa" in der Originalsprache Premiere Vielschichtiges Panorama des Lebens
Immer ging es Leos Janáek darum, die ausgereizten Stilmittel der Spätromantik mit seinem nationalen Klang-Idiom neu zu beleben. Er schmiegte die melodische Sprache der böhmischen Wortmelodie an. Folgerichtig erklang die Magdeburger "Jenfa" in der Originalsprache.
Magdeburg l Wo die staubigen Wege enden, irgendwo in einem slowakischen Dorf ermordete eine Frau das Kind ihrer Tochter, wegen der Schande.
Dieser wahre Vorfall lag dem Stück "Ihre Ziehtochter" von Gabriela Preissová zugrunde, welches wiederum die Vorlage zu "Jenfa" wurde. Nur das Grundgerüst der Handlung erinnert an den krassen Dorfkrimi; Janáek entfaltet ein vielfarbiges Bild dörflichen Lebens im 19. Jahrhundert und blickt liebevoll und darum genau in menschliche Seelen. Seiner Titelheldin gibt er Ängste, den Hang zu schimpfender Kleinlichkeit, einen Tick Überheblichkeit gegen den anfangs unterlegenen Laca, aber genauso die Fähigkeit zu verehren, zu lieben, zu verzeihen. Anneli Lindfors sang das alles mit wohllautender, auch großer Stimme, aber mit linealharter Geradlinigkeit.
Der Antiheld Steva ist ein großzügiger und charmanter Frauenliebling, stramm auf dem Weg zum Trinker; ein Feigling, der die schwangere Jenfa sitzenlässt, aber er hat auch die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Ilja Werger gab den wehleidigen Wicht mit vielen schönen Farben seiner leichtbeweglichen Stimme und spielte überzeugend.
Der zweite junge Mann, Laca, der Jenfa schließlich heiratet, steckt voller unreifer Aggressionen - eifersüchtig zerschneidet er Jenfa das Gesicht - aber er ist zielstrebig und treu. Manfred Wulfert passte entschieden besser in den charakterlich gereiften Laca des Schlusses, den er kraftvoll und trotzdem genügend lyrisch sang.
Weiter Horizont verengt auf Düsternis der Haupthandlung
Schließlich die Küsterin, die ihrer Stieftochter Jenfa eine wahre Mutter ist, aber unter dem Selbstbetrug, nur für das Glück Jenfas einen Kindsmord begehen zu müssen, ihren eigenen ehrpusseligen Moralbegriffen dient und zum Opfer fällt. Undine Dreißig verzichtete gemäß ihrer weich modellierenden Stimme auf die herrischen Züge der Küsterin zugunsten der liebevollen Ziehmutter. Beeindruckend, wie sie den Verfall, den Wahn, schließlich einen jämmerlich reuigen Zusammenbruch singend, spielend, glaubhaft machte.
Leos Janáek weitet die lastende Geschichte immer wieder zum musikalisch grandios vielschichtigen, auch lichten Panorama des Lebens: Im ersten Akt freut sich das Schäfermädchen Jano, von Jenfa lesen gelernt zu haben, später herrscht sogar allgemeine Ausgelassenheit, weil Steva nicht zu den Rekruten muss. Den zweiten Akt taucht Jenfas Liebe zu ihrem Neugeborenen in ein sanftes Licht, den Schlussakt muntert Stevas neue Braut Karolka auf und er wird gekrönt von der sanften Liebe zwischen Jenfa und Laca.
Die Regisseurin Cornelia Crombholz verengte diesen weiten Horizont leider auf die Düsternis der Haupthandlung. Selbst die surreale Schönheit des Bühnenbildes im zweiten Akt (Maria-Elena Amos) wird alsbald entzaubert. Auch den inszenatorischen Mehrwert, den man von einer Schauspielregisseurin im Operngewerbe erhofft, bleibt sie schuldig. Wer spielen kann, tut es, wer es nicht kann, singt eben. Der Chor bildet eine kompakte Masse, wenn nicht gerade Volkstanz angesagt ist. Andererseits nehmen nach dem missglückten ersten die Konzentriertheit und Stringenz des zweiten und dritten Aktes doch für die Aufführung ein.
Das alles wäre nichts ohne die von Kimbo Ishii-Eto geleitete Magdeburgische Philharmonie. Die in sich kreisenden Abwärtsbewegungen des kurzen Vorspiels schaffen die Grundstimmung des Abends schon in den ersten Takten; den ganzen ersten Akt über wagt der Klang jedoch keinen Aufschwung, keine lyrische Entfaltung. Wie ausgewechselt klingt das Orchester im zweiten Teil des Abends. Die Solovioline gießt mildes Licht, das Orchester folgt, es grundiert jede Stimmung und alle Farben und setzt schließlich mit einem harten Schluss jede Hoffnung auf ein Kitsch-Happy-End außer Kraft.
Weitere Vorstellungen sind am 31. Oktober, 4., 13. und 25. November