"Norway.Today" am Theater der Altmark Vom Leben am Abgrund
Die Nachricht des jungen Norwegers war "nur für Leute bestimmt, die sich umbringen wollen". Am 9. Februar 2000 erklärt Daniel V. im Internet seine Absicht, Selbstmord zu begehen. Es sei keine plötzliche Entscheidung, vor allen Dingen jedoch sei es ernst gemeint. Und: "Ich möchte es mit jemandem zusammen tun." Das Theater der Altmark hat diese Begebenheit inszeniert.
Von Birgit Tyllack
Stendal. Tatsächlich meldet sich auf die Internet-Mitteilung eine junge Österreicherin, Vorbereitungen werden getroffen und beide springen kurz darauf von einem 600 Meter hohen Felsen am Lysefjord in den Tod.
Diese wahre Begebenheit diente dem Schweizer Autor Igor Bauersima als Vorlage für "Norway.Today". Hier ist es Julie ("Ich passe nicht unter Menschen."), die per Internet Gleichgesinnte sucht. August meldet sich. Auch er hat stets das Gefühl gehabt, dass er nichts mit dem Leben zu tun habe. "Alles ist fake", sagt er. Nichts ist echt oder real, geschweige denn wichtig.
Obwohl er mit seinen 19 Jahren eigentlich zu jung ist für Julies Pläne ("Ich will keine Anfänger mit reinziehen!"), fahren beide nach Norwegen an einen verschneiten Fjord. Am nächsten Morgen wollen sie springen.
Auf der Stendaler Bühne werden die zwei Selbstmord-Touristen von Frederike Duggen und Jan Kittmann dargestellt. Ein weißes Stufenpodest ist der schneebedeckte Felsen (Ausstattung: Christof von Büren).
Hier baut Julie geschäftig das kleine Zelt auf, während August pausenlos auf sie einredet. Das nervt die kühl und gelassen wirkende Julie, aber nichts bringt August zum Schweigen. Er zwingt Julie zum Reden, zum Reagieren. Die beiden liefern sich ein witziges Wortduell, in dem gefragt, hinterfragt und verbal attackiert wird. Die kühle Julie wird immer leidenschaftlicher und August, der zu Beginn behauptete, nichts mit dem Leben zu tun zu haben, wirkt plötzlich absolut lebendig und normal. Die beiden fühlen sich zu einander hingezogen, verlieben sich. Eine wirkliche Liebesnacht gibt es jedoch nicht. Die spielt sich nur in ihren Köpfen und Gesprächen ab. Und das reicht für ein echtes Glücksgefühl. "No fake!", keine Fälschung, sondern ein Stückchen vom wahren Leben.
Temporeiches Zusammenspiel
Trotzdem bleibt es bei ihrem Vorhaben. Am nächsten Morgen wird die Videokamera gezückt, um Verwandten und Freunden letzte Botschaften zu hinterlassen. Was beide vor der Kamera von sich geben, gefällt ihnen nicht.
Auch nach mehreren Versuchen schaffen sie es nicht, das auszudrücken, was sie beabsichtigen. Alles hört sich abgedroschen und hohl an. Ihnen wird langsam klar: Eigentlich gibt es keinen Grund für einen Freitod.
Wie sagt August so treffend? "Es könnte sein, dass wir soeben von einem Glück getroffen wurden, von dem wir uns so schnell nicht mehr erholen werden."
Im Gegensatz zu der wahren Begebenheit aus dem Jahr 2000 endet "Norway.Today" nicht mit dem Sprung in die Tiefe. Es gibt jedoch auch kein Happy-End im klassischen Sinn. Das Ende bleibt offen, beim Publikum macht sich jedoch die Gewissheit breit, dass Julie und August leben werden.
Die Inszenierung von Dirk Löschner und Katharina Holler beschert den Zuschauern ein "ungefaktes" Theatererlebnis. Das Stück kommt in seiner gesamten Tragikomik zur Geltung, die beiden Darsteller sind in ihrem temporeichen Zusammenspiel grandios!
Die Premiere im Kleinen Haus des Theaters der Altmark wurde mit stürmischem Beifall gefeiert.