1. Startseite
  2. >
  3. Kultur
  4. >
  5. Von der Autorität einer alten Uniform

"Der Hauptmann von Köpenick" nimmt Obrigkeitsgläubigkeit aufs Korn / Premiere in Stendal Von der Autorität einer alten Uniform

Von Birgit Tyllack 23.04.2012, 03:23

1932 - nur ein Jahr nach seiner Uraufführung - kam "Der Hauptmann von Köpenick" bereits an die Bühne in Stendal. 80 Jahre später ist das Stück zurückgekehrt. Die Premiere der Inszenierung von Regisseur Jan Steinbach erhielt am Freitag starken Beifall.

Stendal l Gleich vorweg: Mathias Kusche in der Titelrolle ist die Idealbesetzung. So stellt man ihn sich vor, den Wilhelm Voigt alias Hauptmann von Köpenick. Kusche ist anrührend und komisch als Schuster Voigt; unscheinbar und einfach, - wenn auch mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet. Als falscher Hauptmann wiederum strahlt er eine imposante Autorität aus. Klar, dass alle vor ihm strammstehen. Eine schauspielerische Glanzleistung!

Carl Zuckmayers Geschichte vom vorbestraften Schuster Wilhelm Voigt ist hinlänglich bekannt: Voigt bekommt trotz aller Bemühungen keinen Fuß auf den Boden. Eine Arbeit gibt es nur mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Die wiederum erhält man nur, wenn ein Beschäftigungsverhältnis nachgewiesen werden kann. Eine Zwickmühle, aus der es kein Entrinnen gibt. Als letz*te Verzweiflungstat schlüpft Voigt in eine alte Uniform. Diese Uniform und sein militärisches Auftreten sind Legitimation genug: Jeder erkennt seine Autorität ohne Probleme an. Voigt rekrutiert einige Soldaten des Garderegiments und marschiert mit ihnen zum Köpenicker Rathaus. Dort lässt er den Bürgermeister verhaften und nimmt die Stadtkasse an sich.

"Der Hauptmann von Köpenick" ist eine herrliche Satire auf die deutsche Bürokratie und die Uniform- beziehungsweise Obrigkeitsgläubigkeit der Deutschen in der Kaiserzeit. Kaiserzeit? Dieses Stück ist erstaunlich aktuell! Immer noch lassen sich die Menschen allzu leicht durch Auftreten und entsprechende Kleidung täuschen. Und auch in der heutigen Zeit gibt es bürokratische Mühlen, aus denen man sich nur schwer befreien kann. "Der Hauptmann von Köpenick" nimmt nicht nur einen Teil der deutschen Geschichte, sondern auch das deutsche Wesen an sich aufs Korn. Natürlich war das Stück unter den Nationalsozialisten verboten und auch in der DDR von entsprechenden Stellen nicht gern auf den Bühnen gesehen. Es war und ist zu sozialkritisch.

"Erst der Mensch ... Und dann die Menschenordnung!", sagt Voigt. Diese Aussage ist für alle Systeme, die ihre Ungerechtigkeiten mit den Worten "Zum Wohle des Großen und Ganzen" rechtfertigen, gefährlich.

Regisseur Jan Steinbach hat mit Dramaturgin Aud Merkel den sehr langen Originaltext geschickt gekürzt.

Und ihm ist ein Spagat gelungen: Seine Inszenierung unterstreicht die Aktualität des Stoffes, ohne bemüht modern oder anachronistisch daherzukommen. Das Sozialkritische in Zuckmayers Text ist zu erkennen genau wie der Humor.

Den Zuschauer erwarten keinerlei fragwürdige Regieeinfälle, die das Stück "entstauben" sollen. Stattdessen: ein tolles Bühnenbild, das schnelle Szenenwechsel erlaubt und trotzdem nicht sparsam wirkt (Ausstattung: Christopher Melching), und sehenswerte Schauspieler.

Mathias Kusche steht mit zehn Kollegen und Kolleginnen auf der Bühne. Sie müssen insgesamt mehr als 40 Rollen mimen. Und das meistern sie tadellos. "Der Hauptmann von Köpenick" wartet vorwiegend mit männlichen Rollen auf: Und so beeindruckt in der Stendaler Inszenierung vorwiegend die Vierer-Riege Peter Donath, Sören Ergang, Jan Kittmann und Florian Kleine. Schnell werden hinter den Kulissen Kleidungsstücke gewechselt, Perücken aufgesetzt oder Scheitel auf die andere Seite gekämmt. Veränderungen in der Stimme und der Körperhaltung tun ihr Übriges: ein völlig anderer Charakter ist da. Grandios!

Die Frauenrollen sind untergeordnet. Umso erfreulicher, dass Steinbach seine Schauspielerinnen in vielen Szenen zumindest als Statistinnen einsetzt. Besondere Erwähnung gebührt Frederike Duggen für ihre Darstellung des schwindsüchtigen Liesken und Claudia Lüftenegger als Voigts Schwester. Beide hinterlassen in diesen kleinen Rollen einen großen Eindruck.

"Der Hauptmann von Köpenick" bietet in zweieinhalb Stunden beste Theaterunterhaltung.

Nächste Aufführungen: Sonnabend, 28. April, 19.30 Uhr Stendal; Donnerstag, 3. Mai, 20 Uhr, Salzwedel