Das Grusical "Struwwelpeter" begeisterte am Samstagabend sein Publikum bei der Premiere im Magdeburger Schauspielhaus

Von der unbändigen Spielfreude der "kleinen Monster"

Von Rolf-Dietmar Schmidt

Magdeburg l Wer kennt den "Struwwelpeter" nicht? Aber wer kennt ihn wirklich? Das Grusical "Struwwelpeter", im Originaltitel "Shockheaded Peter", von Phelim McDermott und Julian Crouch nach der Musik von Martyn Jacques hatte am Samstagabend im Magdeburger Schauspielhaus eine zu Recht frenetisch gefeierte Premiere.

Vermutlich wird das Stück kaum zu einer höheren Geburtenrate beitragen, aber dafür hält es den Eltern, und damit der Gesellschaft, einen Spiegel der Selbstreflexion entgegen, der zum Lachen wie zum Entsetzen verleitet, der mit grotesk-komischen Mitteln die so schwere Gratwanderung lachender Traurigkeit eines Zirkusclowns schafft.

Der "Struwwelpeter" hat in der Tat das Zeug zum Gruseln. Da werden Daumen abgeschnitten, und Kinder verbrennen, weil sie unachtsam mit Feuer umgehen, oder verhungern, weil sie ihre Suppe verweigern. Man muss vermutlich Brite sein, um diesen Stoff zu einem Musical umzusetzen, in dem sich das Gruseln in "schwarzem Humor" auflöst, in dem höchst subtil die "Verwerflichkeit der kleinen Monster" ganz ohne "Zeigefinger" als die "Verderbtheit der Welt" entlarvt wird. Und wenn den Zuschauer dieses große Gefühl mit aller Macht erfasst hat, dann wird er mit einem lakonischen Satz beim brennenden Paulinchen, "Learning by Burning", wieder in die groteske Grusicalszenerie zurückgeholt.

Das Ganze ist unendlich fantasievoll und bunt von Regisseur Albrecht Hirche inszeniert und Kathrin Krumbein ausgestattet. Übertroffen wird es allenfalls noch von einer unbändigen Spielfreude der Akteure Iris Albrecht, Luise Auders, Heide Kalisch, David Nadvornik, Andreas Guglielmetti, Jeremias Koschorz, Konstantin Marsch und dem schauspielernden Musiker Sven Springer. Sie alle spielen nicht nur, nein, sie verkörpern die Anarchie der kleinen Seelen auf der Suche nach der Ordnung ihres Lebens, nicht wissend, dass Ordnung nur ein Gefängnis der Anarchie ist.

Das Grusical "Struwwelpeter" stellt weniger musikalisch, dafür aber durchaus gesanglich erhebliche Anforderungen. Die acht Akteure meistern diesen Part mit verblüffender Professionalität - einzeln, als Band oder als A-cappella-Chor interpretieren sie die eingängigen Kompositionen mit bei Schauspielern nicht immer erwarteter Perfektion.

Diese musikalische Inszenierung besitzt ungeheuer viele Anregungen zum Nachdenken und bietet gleichzeitig köstliche Unterhaltung. Deshalb kann man nicht nur Eltern raten, diese rasanten 75 Minuten Sprechstunde in Anspruch zu nehmen, sondern allen, die ein herausragendes Theatererlebnis erwarten.