documenta:

Die documenta findet alle fünf Jahre in Kassel statt.

Zum ersten Mal seit ihrer Gründung 1955 findet sie an zwei Orten statt.

Die Eröffnung dazu fand erstmals in Athen am Sonnabend statt.

Ab dem 9. Juni folgt die 100-tägige-Ausstellung dann in der „documenta-Stadt“ in Kassel.

Athen (dpa) l Ein Meer aus Kamillenblüten umgibt die gewaltigen Säulen des Tempels des Olympischen Zeus. Das Verkehrschaos rundherum kann dieser Oase inmitten des Athener Stadtzentrums nichts anhaben. Absolute Ruhe strahlen auch die beiden Männer aus, die auf der Blumenwiese in scheinbar unbequemen Positionen ausharren; der eine steht auf dem linken Bein und hält den rechten Fuß fest, der andere reckt den Arm in Richtung Akropolis. Schließlich lösen sich die beiden Berliner Künstler Wolfgang Prinz und Michel Gholam, nur um die nächste Position einzunehmen und wieder innezuhalten.

Das Duo Prinz Gholam gehört zu jenen mehr als 150 Künstlern, die in den kommenden Monaten im Rahmen der documenta 14 erst Athen und dann auch Kassel unsicher machen. Bei ihrer zweistündigen Performance „My Sweet Country“ übertragen sie mit ihren Körpern Gesten und Posen aus der Kunstgeschichte. Wenn sie nach bedächtigen Bewegungen in einer neuen Position verharren – mal sinnend oder abwartend, dann wieder gemütlich, zärtlich verbunden oder auch sehnsüchtig – wirken sie vor der antiken Kulisse wie lebendige Skulpturen.

Das Olympieion, der Tempel des Olympischen Zeus, war am Sonnabend außergewöhnlich gut besucht, denn am Vormittag wurde die documenta 14 offiziell eröffnet. Auch am Sonntag zog die Ausstellung zahlreiche Menschen an – unter anderem der Beginn der Performance „The Transit of Hermes“. Vier Reiter, darunter zwei Deutsche, werden auf ihren Pferden von Athen aus 3000 Kilometer weit über den Balkan bis in die documenta-Geburtsstadt Kassel reiten. In rund 100 Tagen sollen sie ankommen, hofft der für die Aktion verantwortliche schottische Konzept-Künstler Ross Birrell.

Beim Abschied der modernen Abenteurer am Fuße der Akropolis sammelten sich am Sonntagmittag so viele Menschen, dass die Reiter ihre Tiere lieber am Zügel führten, anstatt die mit Marmor gepflasterte Straße hinunterzupreschen. Neben den unzähligen Touristen und Athenern sollen derzeit auch rund 6000 ausländische Kunstschaffende, Kritiker und Journalisten in der Stadt sein, schätzt die griechische Presse, die der documenta 14 insgesamt recht positiv gegenübersteht.

40 Ausstellungsorte im Stadtgebiet

„Es reicht schon ein Besuch im Museum für Zeitgenössische Kunst, um zu begreifen, welche Dimension der Geist, die Spannweite, das Kaleidoskop der documenta haben“, stellte etwa die Athener Tageszeitung „Kathimerini“ am Sonnabend beeindruckt fest. Das EMST, wie das Museum abgekürzt genannt wird, ist ein wunder Punkt griechischer Kulturpolitik: Es wurde gebaut, aber mangels Geld bisher nie bestückt und vollständig eröffnet. Nun ist es einer der mehr als 40 Ausstellungsorte im ganzen Stadtgebiet – und schon am Eröffnungstag bilden sich am Eingang lange Besucherschlangen.

Jetzt geht es los, die Medien berichten, die vielen Performances und Aktionen werden sichtbar und lassen die Menschen innehalten – etwa auf dem zentralen Syntagma-Platz, wo junge Leute gemeinsam mit dem ghanaischen Künstler Ibrahim Mahama Jute-Säcke zusammennähen. Dass etwas geschieht in ihrer Stadt, wo doch sonst gerade für kulturelle Aktivitäten überhaupt kein Geld mehr vorhanden ist, freut viele Athener. Eine documenta 14 in der Stadt zu haben, bedeutet jedoch auch Verantwortung. Es geht nicht um Tourismus, sondern darum, selbst einen neuen Schub zu erfahren, neuen Antrieb zu gewinnen.