Weniger Zuschüsse für Halberstadts Theater - Grit Warnat fragte dazu Intendant Johannes Rieger "Wir haben noch viele Gespräche vor uns"
Das Nordharzer Städtebundtheater steht vor schweren Zeiten. Es gibt ab 2013 bzw. 2014 deutlich weniger Zuschüsse vom Landkreis Harz und den Städten Halberstadt und Quedlinburg. Kann das Haus das stemmen - und wie? Grit Warnat sprach mit Intendant Johannes Rieger.
Volksstimme: Herr Rieger, Sie sind von Natur aus ein optimistischer Mensch. Wie viel Optimismus steckt noch in Ihnen, nachdem auch Halberstadt beschlossen hat, seinen Theaterzuschuss 2013 um 600000 Euro zu reduzieren?
Johannes Rieger: Ich weiß, dass an allen Ecken und Enden verhandelt wird und alle fieberhaft nach einer Lösung suchen.
"Die Abwicklung des Musiktheaters wäre der Todesstoß für unser Haus"
Volksstimme: Aber ab 2013 fehlen dem Theater allein aus den Kürzungen der Städte Halberstadt und Quedlinburg 800000 Euro ...
Rieger: Wir haben es immer wieder betont und auch im Finanz- und Kulturausschuss angesprochen, dass 2013 aufgrund bestehender Verträge überhaupt nicht realisierbar ist. Wir haben einen Haustarifvertrag, der betriebsdedingte Kündigungen erst wieder 2013 möglich macht. Dann schließen sich Übergangsfristen an, die gehen bis Sommer 2014. Bis dahin laufen die Verträge. Alles andere ist unrealistisch.
Volksstimme: Aber wenn Mitarbeitern doch gekündigt wird?
Rieger: Dann hätte man keinen Haustarif mehr und würde nicht weniger, sondern erst einmal mehr zahlen. Und das in gewaltiger Höhe. Nur ein Beispiel: Wenn man das Musiktheater als größte Sparte des Hauses schließen würde, kämen auf die Träger Abfindungen in Höhe von etwa 17 Millionen Euro zu. Außerdem wäre die Abwicklung des Musiktheaters im Hinblick auf die Publikumsresonanz der Todesstoß für unser Haus.
Volksstimme: Das Theater hat seit 2005 einen Haustarifvertrag. Wieviel wird dadurch eingespart?
Rieger: Es sind jährlich 900000 Euro. Das ist nicht gerade ein geringer Betrag, auf den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Jahr für Jahr verzichten. Im Orchester liegen die Musiker 20 Prozent unter Tarif, alle anderen bei mehr als 11 Prozent. Und weil man solche Gehaltseinbußen nicht zum Nulltarif bekommt, gibt es den Kündigungsschutz. Das kann man jetzt nicht einfach so aufweichen.
Volksstimme: Kultusminister Dorgerloh hat signalisiert, dass die Ende 2012 auslaufenden Theaterverträge um ein Jahr zu den gleichen Konditionen verlängert werden sollen. Ganz ehrlich, bringt das Ihrem Haus überhaupt etwas?
Rieger: Für uns wäre die zunächst angedachte Verlängerung um zwei Jahre im Hinblick auf neue Haustarif-Verhandlungen wesentlich günstiger. Generell wäre eine Verlängerung für die Suche nach zukunftsfähigen Lösungen sicher hilfreich.
"Ich bin mir sicher, dass sehr ernsthaft nach einer Lösung gesucht wird"
Volksstimme: Wie geht es weiter?
Rieger: Wie gesagt, Knackpunkt sind die geringeren Zuweisungen des Zweckverbandes für 2013 und der gleichzeitig geltende Haustarifvertrag. Da klafft einfach ein riesiges Loch. Wenn man das nicht sehen will, muss man so ehrlich sein und sagen, man schließt das Haus. Aber das will man auch nicht.
Volksstimme: So wurde es immer wieder bekundet. Seit Monaten wird nach Lösungen gesucht, nach neuen Strukturen, auch die Schließung von Sparten kam ins Gespräch. Bisher gibt es nichts Greifbares. Wie ist der Stand?
Rieger: Unser Gespräch ist zu früh, um das beantworten zu können, weil vieles zur Zeit in der Diskussion ist. Der Landrat beispielsweise hat einen Gutachter bestellt, der ein kooperatives Modell für die beiden Orchester (Nordharzer Städtebundtheater und Philharmonisches Kammerorchester Wernigerode, d.R.) vorstellen soll. Wir müssen sehen, was dabei in den nächsten Wochen herauskommt. Auch wir als Theater bringen natürlich unsere Vorstellungen ein, was aus unserer Sicht möglich und machbar ist. Wir haben noch viele Gespräche vor uns. Sicher bin ich mir, dass die politisch Verantwortlichen sehr ernsthaft nach einer Lösung suchen.
Volksstimme: Die neue Spielzeit hat gerade begonnen, die nächsten Premieren stehen bevor. Wie können Sie Ihre Mitarbeiter noch motivieren?
Rieger: Es gibt ja gültige Verträge, es wird nach Lösungen gesucht. Aber vor allem motivieren wir uns über unsere Arbeit, die nach wie vor unglaublich Spaß macht und etwas Wunderbares ist. Wir freuen und jetzt auf unsere Premieren.
Volksstimme: Zur Stadtratssitzung in Halberstadt wurden 11000 Unterschriften für den Erhalt des Hauses gesammelt. Wie wichtig ist dieses bürgerschaftliche Engagement?
Rieger: Das bestärkt uns in unserer Arbeit. Und die Aktionen gehen weiter. Der Oberbürgermeister erhält packenweise Unterschriften. Die Wirtschaftsverbände bringen sich mit ein, zwei Aktionen sollen in den nächsten Wochen vorgestellt werden. Das ist in all der Aufregung ein Engagement, das uns sehr freut und ermutigt.
"Diese Probleme haben auch andere Kommunen und damit auch andere Theater "
Volksstimme: Der Landtag hat einen Kulturkonvent beschlossen, der Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung von Kultur in Sachsen-Anhalt geben soll. Was erwarten Sie für Ihr Haus vom Kulturkonvent?
Rieger: Ich hoffe sehr, dass man sich vor Ort umschaut und zu Ergebnissen kommt, die nicht nur die Großstädte einschließen, sondern auch im ländlichen Raum eine kulturelle Basis erhalten und stärken. Wir sind der bevölkerungsreichste Landkreis mit einer großen Kultur, Tradition, touristischem Potenzial und einer 200-jährigen Theatergeschichte in Halberstadt. Man wird sehen, inwieweit das alles eine Rolle spielen wird. Fakt ist, dass es finanziell nicht nur Halberstadt, Quedlinburg und dem Harzkreis schlecht geht. Auch andere Kommunen haben diese Probleme und damit auch andere Theater und andere Kultureinrichtungen.