Wien (dpa) - Kondome aus dem Blinddarm von Schafen, ausgepresste Zitronen oder Spülungen mit Coca-Cola als Verhütung: Ein Rundgang in dem kleinen Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien veranschaulicht den langen Weg der Menschheit bis zur Selbstbestimmung über ihren Kinderwunsch.

Die Ausstellung zeigt auf anschauliche Weise die große Fantasie, aber auch die Verzweiflung im Umgang mit möglichen Verhütungsmitteln im Laufe der Zeit. Nach der Entdeckung des Feuers war die Zähmung der Fruchtbarkeit die zweitwichtigste kulturelle Errungenschaft der Menschheit, sagt Gynäkologe Christian Fiala.

Der gebürtige Deutsche hat das nach seinen Angaben weltweit einzige Museum zu dem Thema 2003 gegründet. Früher waren Frauen im Schnitt 15 Mal schwanger, so Fiala. Eine körperliche wie wirtschaftliche Überforderung für fast alle Familien.

Schon im alten Ägypten wollten Frauen kinderlos bleiben und führten sich präparierte Schwämme vor dem Sex ein. Casanova soll im 18. Jahrhundert die - erfolglose - Verwendung von Zitronen als Verhütungsmittel erfunden haben: Eine halbierte Zitrone wurde dafür ausgepresst und die umgedrehte Schale wie eine Kappe über den Muttermund gestülpt. Bis vor 100 Jahren wurden Kondome noch aus tierischen Produkten, wie Schwimmblasen von Fischen, hergestellt.

Die Revolution der Verhütung folgte erst 1960 mit der Einführung der Pille in den USA. Deutsche Frauen konnten sie ein Jahr später schlucken. Für den Gynäkologen René Wenzl von der Wiener Universitätsklinik war das ein fundamentaler Kulturumbruch, der bis heute enorme gesellschaftliche Auswirkungen hat. Die hormonelle Kontrazeption hat die Welt umgekrempelt und zu einer extremen Steigerung des Selbstbewusstseins der Frau geführt, so Wenzl. 

Auch bei der Erkennung der Schwangerschaft gibt es radikale Fortschritte: Während heute ein Test aus dem Drogeriemarkt innerhalb weniger Minuten ein sicheres Ergebnis bringt, wurden bis in die 1970er Jahre teure wie zeitaufwendige Untersuchungen mit Fröschen durchgeführt. Die Tiere reagieren auf ein Hormon im Urin der Frau.

In dem Ausmaß, in dem gewollte Kinder ein Glück auslösen können, in dem gleichen Ausmaß können ungewollte Kinder eine Verzweiflung und ein Unglück auslösen, sagt Fiala (56), der in seiner Praxis auch Abbrüche durchführt und sich für die anonyme Geburt in Österreich einsetzte. Der gebürtige Stuttgarter kam zum Studium nach Innsbruck. Weil selbst angehende Ärztinnen während seines Studiums ungewollt schwanger wurden, brachte er damals seine erste selbst geschriebene Info-Broschüre zum Thema Verhütung heraus.

Der entscheidende Antrieb kam bei der Arbeit in Uganda. Fast täglich kamen Frauen mit schweren Verletzungen nach misslungenen Abtreibungen in die Klink. In einer kleinen Box im Museum sind die Plastikstäbchen Zweige und Dornen ausgestellt, die Fiala den Frauen aus dem Unterleib entfernte. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es rund 225 Millionen Frauen in Entwicklungsländern, die lieber später oder gar nicht mehr schwanger werden wollen, aber nicht verhüten. Meist fehlt der Zugang und das Geld.

In einer Ecke des Museums steht auch ein Küchentisch: symbolisch für den Ort, auf dem in Europa lange meist mit Stricknadeln illegale Abtreibungen durchgeführt wurden. Wie in Deutschland seit 1976 gilt heute auch in Österreich die Fristenlösung: Der Schwangerschaftsabbruch ist bis zum dritten Monat zwar rechtswidrig, aber straffrei bei vorheriger Beratung. 

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 99 715 Abbrüche gemeldet. Genaue Zahlen gibt es in Österreich nicht. Fiala schätzt, dass es jährlich zwischen 30 000 und 35 000 Abtreibungen gibt.

So sicher Abtreibungen in Industriestaaten heute sind, die Versorgung von ungewollt schwangeren Frauen müsse weiter ausgebaut werden, plädiert die klinische Psychologin Petra Schweiger vom Universitätsklinikum Salzburg. Ein Schwangerschaftsabbruch ist weltweit der häufigste gynäkologische Eingriff und dennoch müssen Frauen dafür selbst in den Industrienationen noch strapaziöse Reisen auf sich nehmen. 

Schweiger fordert, dass jede öffentliche Klinik mit einer gynäkologischen Abteilung Abbrüche vornehmen müsse. Außerdem würden viele Abtreibungen überhaupt nicht mehr notwendig sein, wenn Krankenkassen Verhütungsmittel bezahlen würden.

Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch

Daten der WHO