Berlin/Paris (dpa) - In seiner Zeit als Herrscher über die Franzosen hat Napoleon Bonaparte Europa grundlegend verändert. Auch Deutschland, das in Teilen während der Feldzüge der Grande Armée unter die Herrschaft des Nachbarn fiel.

Obwohl 1815 der militärische Erfolg Napoleons ein Ende fand, hat der Mann aus Korsika den Geist der Französischen Revolution in die Welt getragen - mitsamt noch heute gängiger Errungenschaften. Am 15. August jährt sich der Geburtstag des Kaisers zum 250. Mal.

ZIVILRECHT: In seinem Zivilgesetzbuch "Code Civil" übernimmt Napoleon einige Grundideen der Französischen Revolution, etwa die Gleichheit vor dem Gesetz oder die Trennung von Staat und Kirche. Die Bestimmungen haben Einfluss über die Landesgrenzen hinaus. Nach dem Einmarsch der französischen Truppen gilt der "Code Civil" für Jahrzehnte auch in Teilen Deutschlands - etwa in Baden oder den linksrheinischen Gebieten. Zudem bleibt er eine der Grundlagen des 1900 für ganz Deutschland eingeführten Bürgerlichen Gesetzbuches.

STANDESAMT: Erst Standesbeamter, dann Pfarrer: Dass religiöse Eheleute heute zweimal "Ja" sagen (einmal vor dem Staat, einmal vor Gott), geht auch auf Napoleon zurück. 1798 wird in den besetzten rheinischen Provinzen die verpflichtende Zivilehe eingeführt. Eine rein kirchliche Trauung ist dann dort nicht mehr gültig. Nach und nach geht diese Regelung auf alle deutschen Länder über, fünf Jahre nach der Gründung des Deutschen Reiches wird 1876 die Zivilehe zum einheitlichen Gesetz. In Deutschland kann seither ausschließlich ein Standesbeamter eine gültige Ehe schließen.

METERWARE: Elle und Zoll adieu! In napoleonischer Zeit setzt das metrische System zu seinem späteren Siegeszug an. Maße wie Meter, Liter und Gramm werden eingeführt, dazu die zuvor kaum gebräuchlichen Vorsätze "Kilo-", "Dezi-", "Zenti-" oder "Milli-". Jedoch geht die Verbreitung selbst in Frankreich anfangs nur schleppend voran, weil viele sich den Neuerungen widersetzen. 1812 werden dort sogar die alten Einheiten wieder zugelassen, bis dann 1837 das metrische System endgültig Pflicht wird. Im Deutschen Reich gilt es ab 1872.

HAUSNUMMERN: "Zum Bären" oder "Zum Ochsen". Über Jahrhunderte tragen die Häuser in Deutschland zur Orientierung häufig markante Bezeichnungen oder die Namen ihrer Besitzer. Napoleons Militär trägt die in Paris bereits verbreiteten Hausnummern nach Deutschland - etwa nach Aachen oder Nürnberg. Damit soll die Unterbringung der eigenen Soldaten vereinfacht werden. Doch kennen seinerzeit auch andere deutsche Städte bereits Hausnummern, etwa in Preußen. Der Wiener Historiker Anton Tantner bezeichnet die Bezifferung als "eine der wichtigsten Innovationen der Epoche der Aufklärung".

Anfangs steigen die Zahlen erst auf der einen Straßenseite auf und gehen dann wie bei einem Hufeisen auf der anderen weiter. Wegen des starken Städtewachstums wird später auch das Zick-Zack-System eingeführt, mit geraden Zahlen auf der einen Straßenseite, ungeraden auf der anderen.

"4711": Die Glockengasse 4711 gehört zu den bekanntesten Adressen Deutschlands. Von hier vertreibt der junge Kaufmann Wilhelm Muelhens den unter "Echt Kölnisch Wasser" bekannt gewordenen Duftklassiker, nachdem er 1792 die Rezeptur von einem Kartäusermönch Franz Maria Farina als Geschenk erhalten haben will. Die Fläschchen kommen zunächst als Gesundheitstrank auf den Markt, später als Parfüm. Seinen Namen verdankt der Duft allerdings den Franzosen. Denn das Stammhaus erhält erst unter napoleonischer Besatzung seine prägnante Hausnummer. Das Kölnischwasser wird zunächst mit der Herkunft "Franz Maria Farina - Klöckergasse No. 4711 in Cöln a. R." vertrieben. Erst 1875 kommt die Marke "4711" ins deutsche Handelsregister.

FISIMATENTEN: Manche meinen, das Wort für "Sperenzchen" oder "Ausflüchte" stamme aus Napoleons Zeit. Zu schön ist die frivole Herleitung, dessen Soldaten hätten die jungen Rheinländerinnen zum Tête-à-Tête ins Militärzelt gelockt ("Visite ma tente"/deutsch: Besuche mein Zelt), woraufhin sorgenvolle Mütter ihren Töchtern ein "Mach keine Fisimatenten" mit auf den Weg gegeben hätten. Nüchterner sehen das Sprachgeschichtler: Im Deutschen existiert das Wort schon viel länger. Das Wörterbuch der Brüder Grimm weist "visimetent" im Sinne von "nichtige Erfindung" in einer 1499 gedruckten Kölner Chronik nach. Die genaue Herkunft erachten Linguisten als unklar, sie könnte aber bis zur mittellateinischen Kanzleisprache zurückreichen.