Köln (dpa) - Scheu, ja fast ängstlich richtet es seinen Blick auf den Betrachter - Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Dabei ist es weltweit bekannt.

Vielleicht mehr als sein Schöpfer, der niederländische Barockmaler Johannes (Jan) Vermeer (1632-1675). Und dies nicht erst seit der 2003 verfilmten fiktiven Geschichte um das Mädchen Griet. Aber eigentlich weiß niemand so genau, wen das Bild eigentlich darstellt. Es gibt viele Geheimnisse um Vermeer aus Delft. Doch was inzwischen bekannt ist, welche Bilder ihm zugerechnet werden und welchen Stellenwert sie heute einnehmen, hat der Wiener Kunsthistoriker Karl Schütz in seiner Künstlermonografie Vermeer - Das vollständige Werk zusammengefasst.

Neben dem Milchmädchen gilt Das Mädchen mit dem Perlenohrring als Vermeers bedeutendstes Gemälde. Sehr zu Unrecht war der Delfter lange Zeit in der Bedeutungslosigkeit versunken und nahezu vergessen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte ihn die Kunstwelt wieder und räumte ihm einen Rang neben seinem großen Zeitgenossen und Landsmann Rembrandt (1606-1669) ein. Mädchen und Frauen gehörten zu den Lieblingsmotiven des Malers. Und deshalb, so Schütz, untersuche die Wissenschaft gegenwärtig unter anderem, welche Rolle Vermeer der gesellschaftlichen Stellung der Frau im 17. Jahrhundert in Holland einräumte.

Im Laufe seines kurzen Lebens schuf Vermeer etwa 35 überwiegend klein- und mittelformatige Bilder, zu denen auch Landschaften, Alltagsszenen und religiöse Themen gehören. Die Forschung ist sich dabei nicht sicher, ob das Gesamtwerk nicht umfangreicher ist oder aber einige der ihm zugeordneten Bilder von anderen Künstlern stammen.

Laut Schütz bleibt Vermeers malerisches Werk demnach vorerst auf 35 Werke begrenzt. Und diese werden in dem informativen Band lückenlos gezeigt, gewertet und im Kontext erklärt. Mit Vermeer-Perspektiven führt Karl Schütz in das Gesamtwerk des Künstlers ein. Es folgen Delft und Vermeers Herkunft, Der junge Vermeer (1654-1659), Vermeers reife Jahre (1660-1665), Die letzten zehn Jahre (1666-16759 und Epilog: Vermeers Wiederentdeckung und später Ruhm. Komplettiert wird der Band mit einem Katalog der Werke und Anmerkungen.

Ein Highlight sind drei großformatige Ausklappseiten, die laut Verlag im Detail Vermeers Talent für lebendig wirkende Genregrenzen zeigen sowie seine subtile Lichtregie mit ihren Randunschärfen und seine Gabe, nur mit einer flüchtigen Geste oder einem Blick eine ganzen Geschichte zu erzählen. Den letzten Anstoß zum Eintauchen in die wunderbare Farbenwelt des Barockmalers sollte kein Geringerer als Vincent van Gogh (1853-1890) geben: Die Palette dieses eigenartigen Künstlers umschließt Blau, Zitronengelb, Perlgrau, Schwarz und Weiß ... Es zu vereinen, ist bei ihm so kennzeichnend wie bei Velázquez die Harmonisierung von Schwarz, Weiß, Grau und Rosa. Zum Beweis: Das Mädchen mit dem Perlenohrring vereint genau diese Farben.

- Vermeer - das vollständige Werk, Taschen Verlag, Köln, 258 Seiten, 99,99 Euro, ISBN 978-3-8365-3640-0.

Vermeer - Das vollständige Werk