Homeoffice

Spagat zwischen Freizeit und Arbeit

Arbeiten wo und wann man will - das klingt verlockend. Doch die kritischen Stimmen zu Homeoffice und mobiler Arbeit werden lauter.

München/Berlin (dpa) l Smartphone und Tablet – mehr Büro brauchen viele Arbeitnehmer für ihren Job nicht mehr. Zu Hause am Schreibtisch, auf der Couch oder im Café checken sie Mails, telefonieren mit Kunden oder arbeiten an Projekten. Fast 40 Prozent der Unternehmen bieten ihren Beschäftigten inzwischen die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, wie eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Personaldienstleister Randstad ergab. Bringt das mehr Freiheiten für die Mitarbeiter und Vorteile für Unternehmen – oder überwiegen die Nachteile?

Beruf und Familie lassen sich besser vereinbaren. Dafür spricht, dass die Beschäftigten den Arbeitsort wählen und ihre Zeit flexibler einteilen können und dass der Weg zum und vom Job entfällt. Erfahrene Heimarbeiter aber wissen: Wirklich gut lässt sich beides nicht immer unter einen Hut bringen. Ein Kind zu Hause betreuen und nebenbei Telefon-Konferenzen mit dem Chef absolvieren kann ein ebenso schwieriger Spagat sein wie das Beantworten dienstlicher Mails auf dem Weg in die Kita. „Man ist im Zweifel im doppelten Stress“, sagt Oliver Suchy, Leiter des Projektes „Arbeit der Zukunft“ beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Wer im Homeoffice arbeitet, arbeitet effizienter. Das kann stimmen – ist aber ein zweischneidiges Schwert. Kein Smalltalk mit den Kollegen in der Teeküche, kein störendes Telefonklingeln im Großraumbüro – viele schätzen am Homeoffice das konzentrierte Arbeiten. Wenn ein Projekt schnell vorangehen muss, kann das ein Vorteil sein. Schön, wenn dann auch noch die Waschmaschine nebenher laufen und die Mittagspause für einen Einkauf genutzt werden kann. Private Erledigungen können aber von der Arbeit ablenken. Umgekehrt braucht es Selbstdisziplin, damit vor lauter Effizienz Pausenzeiten nicht zu kurz kommen.

Arbeit und Privatleben verschwimmen zusehends. Das gilt als Kernproblem der neuen Arbeitswelt – vor allem dort, wo es keine Regeln für das mobile Arbeiten gibt. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab, dass fast jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland nach Feierabend berufliche E-Mails checkt. Einige Unternehmen wie Volkswagen oder BMW räumen ihren Mitarbeitern ein Recht auf Nichterreichbarkeit ein. Allgemein herrsche eher Wildwuchs, sagt DGB-Experte Suchy.

Wer im Homeoffice arbeitet, macht unbezahlte Mehrarbeit. Ein Indiz dafür ist der Berg an unbezahlten Überstunden – fast eine Milliarde waren es laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jeweils in den vergangenen beiden Jahren. Gewerkschafter pochen auf einen Ordnungsrahmen für die neue Arbeitswelt – und die Arbeitgeber auf mehr Flexibilität. Statt einer täglichen wollen sie auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit umstellen und mehr Öffnungsklauseln erreichen.

Immer auf Abruf zu sein, macht krank. Dafür spricht eine Studie der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga). Selbst wer sich aus freien Stücken dafür entscheidet, außerhalb der eigentlichen Arbeitszeiten erreichbar zu sein, erholt sich demnach tendenziell schlechter, leidet häufiger unter Schlafstörungen und kann schlechter abschalten.

Die Bindung zum Unternehmen kann verloren gehen. Das sehen Arbeitgeber als Problem. Gerade für das Arbeiten im Team, für die Mitarbeiterführung und für die Unternehmenskultur insgesamt sei das Homeoffice eine Herausforderung, sagt der BDA-Sprecher. Siemens sorgt dafür, dass Beschäftigte mit Telearbeitsplätzen höchstens 80 Prozent ihrer wöchentlichen Arbeitszeit von zu Hause aus absolvieren – nicht aus Misstrauen, sondern um Austausch zwischen Kollegen zu gewährleisten, heißt es vom Unternehmen. Microsoft-Mitarbeiter treffen je nach Projekt-Erfordernissen im Team zusammen, feste Präsenzpflichten gibt es nicht.