Beim Volksstimme-Telefonforum ging es gestern um die Gesundheit im Mund

Vorsorge für den guten Biss ein Leben lang

Die Zahnärzte Dr. Carsten Hünecke aus Magdeburg und Dr. Jochen Schmidt aus Dessau-Roßlau beantworteten gestern beim Volksstimme-Telefonforum zum Thema Gesundheit im Mund die Fragen unserer Leser.

Frage: Meine Mutter leidet an Osteoporose, man hat ihr eine Bisphosphonat-Therapie empfohlen. Vorher soll sie unbedingt zum Zahnarzt gehen. Was hat die Knochenkrankheit mit Zähnen zu tun?

Antwort: Vor Einleitung einer Bisphosphonat-Therapie ist es unerlässlich, den Patienten über eine äußerst sorgfältige Mundhygiene aufzuklären, den Zustand der Zähne in der Zahnarztpraxis überprüfen zu lassen und gegebenenfalls eine entsprechende Sanierung vorzunehmen. Denn durch diese einfachen Vorsichtsmaßnahmen kann eventuellen oralen Komplikationen unter der Bisphosphonat-Therapie vorgebeugt werden.

Frage: Warum sollten auch völlig zahnlose ältere Patienten wenigstens einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen?

Antwort: Unser besonderes Augenmerk als Zahnarzt gilt bei älteren Patienten möglichen Gewebeveränderungen an der Mundschleimhaut. Sie treten im Alter häufiger auf. Bösartige Veränderungen im Mund sind bei Männern die fünfthäufigste Krebsneuerkrankung; bei Frauen stehen sie an 15. Stelle. Frühzeitig erkannt und rechtzeitig behandelt, steigen die Erfolgschancen einer Therapie. Deshalb sollte der regelmäßige Zahnarztbesuch auch im Alter und selbst bei zahnlosem Mund selbstverständlich sein. Der Zahnarzt wird bei dieser Kontrolle auch Zustand und Sitz der Prothesen überprüfen.

"Gesunde Zähne wirken sich positiv auf körperliches und seelisches Wohlbefinden aus."

Frage: Meine Großeltern und Eltern hatten als Rentner alle die "Dritten". Obwohl ich auch zu den 60 plus gehöre, kenne ich unter Gleichaltrigen kaum Vollprothesenträger. Hat sich die Haltbarkeit natürlicher Zähne verlängert?

Antwort: Das nicht. Zähne konnten schon immer so alt wie der Mensch - und älter werden. Dass sie früher eher ausfielen als heute, hat einerseits mit den Fortschritten der Zahnmedizin, aber vor allem mit dem gewachsenen Bewusstsein für eine gute Mundhygiene und mit gesunder Ernährung zu tun. Umfragen zufolge wünschen sich auch Seniorinnen und Senioren ein ansprechendes Gebiss und sind bereit, dafür etwas zu tun. Denn gesunde Zähne wirken sich positiv auf körperliches und seelisches Wohlbefinden aus, ein gesundes Kausystem ist notwendig für genussvolle Nahrungsaufnahme und Ausdruck von Vitalität und Lebensfreude.

Frage: Ich putze regelmäßig und immer gründlich die Zähne, dennoch werden sie nicht strahlend weiß, dafür aber scheinbar immer größer. Woran kann das liegen, putze ich vielleicht zu viel?

Antwort: Zähne können zwar uralt werden, doch auch sie verändern sich im Laufe des Lebens, bekommen einen gelblicheren Farbton, tragen Gebrauchsspuren durch den Kauvorgang und durch Säuren. Das Kristallgefüge des Zahnes verdichtet sich, er verliert Wasser, kann spröde und brüchig werden. Eine typische Alterserscheinung im Mundraum ist, dass sich das Zahnfleisch zurückzieht und die Zahnhälse freiliegen. Dadurch scheint es, als wären die Zähne größer geworden. Diese freiliegenden Zahnhälse sind das größte Problem im Alter; sie müssen sehr gut geputzt (aber nicht geschrubbt) oder vom Zahnarzt abgedeckt werden. Denn hier können Bakterien sehr schnell angreifen - es entsteht Wurzelkaries. Unbehandelt kann sie sich zügig ausbreiten und den Zahn zerstören. Aber mit systematischer, sorgfältiger Mundhygiene, zahngesunder Ernährung, der Härtung des Zahnschmelzes mit Fluoridgelen und regelmäßigen Zahnarztbesuchen lässt sich das Gebiss gesund erhalten - auch im Alter.

Frage: Bei mir wurde kürzlich Zucker festgestellt und der Kontrollbesuch bei einem Zahnarzt empfohlen. Greift Diabetes auch die Zähne an?

Antwort: Die wechselseitige Beeinflussung von Mund- und Allgemeingesundheit ist besonders bei Diabetes mellitus und Parodontitis wissenschaftlich belegt. Der bei Diabetes erhöhte Zuckerspiegel lässt sich auch im Speichel und in Zahnfleischtaschen nachweisen. Entzündungsfördernde Proteine lagern sich nicht nur im Körpergewebe ab, sondern auch im Zahnhalteapparat und verstärken dort eine sich entwickelnde orale Entzündung. Parodontitis ist also eine echte Komplikation eines Diabetes. Studien haben gezeigt, dass durch Beseitigung der Infektion in der Mundhöhle der Blutzuckerspiegel bei Diabetes gesenkt werden kann. Man nimmt an, dass die aus infizierten Zahnfleischtaschen über die Blutbahn in den Körper wandernden Bakterien und Entzündungsmoleküle die Insulinwirkung hemmen und damit zu einem höheren Blutzuckerspiegel führen können. Durch die Therapie einer Parodontitis wird die Infektions- und Entzündungsquelle im Mund reduziert und dadurch offenbar die Wirkung des Insulins verbessert. Parodontitis ist auch ein Risikofaktor für Arteriosklerose und Blutgerinnung.

Frage: Stimmt es, dass Zahnbürsten mit ganz kleinen Köpfen und weichen Borsten auch für Erwachsene gut sind?

Antwort: Ja, denn eine wirklich gute Zahnbürste zeichnet sich durch einen kleinen Bürstenkopf aus, mit dem man in alle Ecken und Winkel des Gebisses gelangt. Die Borsten sollten weich sein und abgerundete Kanten haben, damit Mundschleimhaut und Zahnfleisch nicht verletzt werden. Borsten aus Kunststoff sind hygienischer als Naturborsten.Bei nachlassender manueller Geschicklichkeit haben sich bei unseren älteren Patienten Bürsten mit verstärktem Griff bewährt. Gut geeignet sind elektrische Schallzahnbürsten. Doch auch sie putzen nicht von allein. Um alle Kau-, Außen- und Innenflächen gründlich zu reinigen, sollte die Elektrische zwei bis drei Minuten auf den Zähnen kreisen.

"Für Implantate besteht keine Altersbegrenzung."

Frage: Mein Mann hat nur noch vereinzelt Zähne im Mund und Schwierigkeiten beim Putzen. Wäre es da nicht sinnvoll, auch die letzten zu ziehen und ihm eine Vollprothese anzufertigen?

Antwort: Die Zahl der verbleibenden Zähne ist immer von größerer Bedeutung als die der ersetzten. Denn Zahn-Ersatzteile haben nur eine begrenzte Lebensdauer, die natürlicheneigenen Zähne aber könnten ein Leben lang halten. Sie sind auch besser für die Ernährung, denn mit den eigenen lässt sich vollwertige Nahrung nun einmal besser kauen. Bei Totalprothesenträgern ist die Kaueffektivität gegenüber Vollbezahnten auf ein Sechstel reduziert. Eingeschränkte Kaufähigkeit kann die Auswahl der Speisen beeinflussen und schnell zu Mangelernährung führen. Auch für die prothetische Versorgung sind verbliebene Zähne wichtig.

Frage: Wir sollen ins Pflegeheim auch Mundhygieneartikel mitgeben, obwohl Oma Vollprothesen hat. Reichen nicht Reinigungstabletten?

Antwort: Prothesen sind willkommene Brutstätten für Bakterien und können dadurch zu ernsthaften Erkrankungen führen. Reinigungstabletten sind für die tägliche Pflege - besonders bei Kunststoff-Prothesen - ungeeignet, sie können die Beläge nicht entfernen. Prothesen müssen mechanisch und mit ausreichend Wasser von allen Speiseresten befreit werden. Dafür gibt es spezielle Prothesenzahnbürsten. Nach der Bürstenreinigung sind die Tabletten sinnvoll zur Desinfizierung des Zahnersatzes.

Frage: Ich bin 65 Jahre alt und benötige zum ersten Mal Zahnersatz. Lohnen sich in meinem Alter noch Implantate?

Antwort: Für Implantate besteht keine Altersbegrenzung. Die Frage, ob sich diese finanziell recht aufwändige Versorgung im Alter noch "lohnt", kann nicht pauschal beantwortet werden. Unter dem Aspekt, dass im Alter Prothesen häufig gar nicht getragen werden, kann eine festsitzend abnehmbare Versorgung auf Implantaten nicht nur das Lebensgefühl positiv beeinflussen, sondern auch wichtig für die Allgemeingesundheit sein. Bevor man sich für Implantate entscheidet, muss (in jedem Lebensalter) eine gründliche Anamnese erhoben werden. Medikamenttherapien mit Bisphosphonaten oder Immunsuppressiva beispielsweise werden als problematisch angesehen. Auch sollte bedacht werden, dass nach einer Versorgung mit Implantaten für deren lange Haltbarkeit die regelmäßige Prophylaxe in der Zahnarztpraxis erforderlich ist.