Moskau (dpa) - Eigentlich soll der Rodelberg beim Roten Platz in Moskau eine der Hauptattraktionen zu den Festtagen am Jahresende werden. Doch eine unerwartete Dezember-Hitze (Moskowski Komsomolez) macht den Kälte-gewöhnten Moskauern einen dicken Strich durch die Rechnung.

Liebe Gäste! Der Hügel ist wegen der anomalen Wetterbedingungen geschlossen, heißt es auf einem provisorischen Schild vor der Winterattraktion. Warmer Regen und Temperaturen von bis zu zehn Grad Celsius haben den Rodelberg auf ein trauriges, in Plastikplane gehülltes hölzernes Gerippe ohne Schnee und Eis schmelzen lassen.

Fünf Tage in Folge brechen in der sonst so frosterprobten russischen Metropole alle Wärmerekorde. 8,5 Grad haben die Behörden der Hauptstadt am Donnerstag gemessen, fast 4 Grad mehr als der bisherige Höchstwert für einen 24. Dezember.

Ausgelöst durch warme atlantische Luft hat vom 20. bis 24. Dezember jeder Tag einen historischen Rekordmesswert gebracht. So ein Dezember-Wetter gab es in 135 Jahren Aufzeichnung noch nicht, schreibt die Boulevardzeitung Komsomolskaja Prawda.

Das ist kein Winter, schimpft die 58-jährige Tatjana. Neujahr ohne Schnee wäre traurig, klagt sie beim Spazieren in einem Park.

Neujahr ohne Schnee? Für viele Moskauer kaum vorstellbar. Zum Jahreswechsel begehen die Russen ihr traditionelles Familienfest - so wie in Deutschland Weihnachten gefeiert wird - mit Tannenbaum und Geschenken. Schnee auf Dächern und Straßen gehört ebenso dazu wie die wohlige Frische von Frost in der Abendluft.

Dem versuchen Internetportale Abhilfe zu schaffen: m24.ru etwa hat allerlei Ratschläge parat, wie man mit Ölen und der passenden Musik die Sinne betören kann, um den ausbleibenden Schnee zu ersetzen.

Doch nicht alles lässt sich einfach austauschen. Die Temperaturen wie sonst im Oktober oder Ende März bringen das Konzept eines mit öffentlichen Mitteln geförderten Wintervergnügens ins Wanken.

Wie der künstliche Rodelberg, so sind zahlreiche Attraktionen wegen Wärme geschlossen. In den großen Parks haben sich Eisflächen zum Schlittschuhlaufen in weitläufige Pfützen verwandelt. Auch die Eisbahn auf dem Roten Platz bleibt vorläufig zu. Heute machen wir bestimmt nicht auf, und morgen auch nicht, sagt eine Mitarbeiterin am Freitag. Vielleicht am Sonntag wieder.

Die Eröffnung eines mit Spannung erwarteten Eisstädtchens mit Miniatur-Kreml und anderen Nachbildungen repräsentativer Bauten im Moskauer Siegespark lässt wegen der atlantischen Wärme auf sich warten. Bislang würden die liebevoll vorbereiteten Kunstwerke in speziellen Zelten vor der Wärme bewahrt, sagt der Bildhauer Pawel Mylnikow der Zeitung Rossijskaja Gaseta. Es bestand die Gefahr, dass von unseren Werken nichts mehr übrig bleibt, sagt er.

Ratlos sind auch jene Mitarbeiter der Stadt, die um diese Jahreszeit eigentlich Schnee schippen sollten. Stattdessen setzen sie ihre 6000 Maschinen nun ein, um die Moskauer Straßen mit Wasser zu reinigen.

Dass auch so mancher prominente Funktionär nicht so recht weiß, wie er die unerwarteten Frühlingstemperaturen dem Volk verkaufen soll, demonstriert anschaulich Parlamentspräsident Sergej Naryschkin. Es wird auf jeden Fall Schnee geben, glauben Sie mir, trompetet er in freudiger Erwartung seines eigenen Winterurlaubs. Ich werde auf jeden Fall im Moskauer Umland Skilaufen gehen.

Angesichts jüngster Prognosen wirkt das arg optimistisch. Doch auf lange Sicht könnte Naryschkin recht haben. In den kommenden Tagen könnten die Temperaturen wieder unter Null purzeln. Für Anfang Januar erwartet die Meteorologin Tatjana Posdnjakowa einen Temperatursturz auf bis zu minus 15 Grad. Ein beliebtes Zitat aus einem russischen Film-Klassiker weiß: Die Natur kennt kein schlechtes Wetter.

Tipps für Festtage ohne Schnee bei m24.ru

Moskauer Wetterdienst

Temperatur-Aufzeichnungen Moskau im Dezember 1949 bis 2005