Bad Sulza (dpa) - Leichenteile und ein in Formalin eingelegtes Gehirn hat Jupp Kapellmann schon mal ins Trainingslager des FC Bayern München mitgenommen. Ein gewöhnlicher Profi war der Mittelfeldspieler nie.

Damals in den 70ern hatte Kapellmann aber gute Gründe für seine anatomische Nachhilfe. Der frühere Nationalspieler und angehende Arzt wollte seinem damaligen Teamkollegen Sepp Maier das menschliche Gehirn erklären. "Da ist bei dir das Zentrum lokalisiert, weshalb du soviel Spaß machst", habe Kapellmann dem Torwart erläutert.

Die Medizin war für den Vater von sieben Kindern, der am Donnerstag seinen 70. Geburtstag feiert, immer ganz wichtig. Denn seine Eltern hielten den Fußball für "so eine wacklige Geschichte", da sei ein Studium schon sinnvoll gewesen. Kapellmanns Bedingung für den Wechsel 1973 vom 1. FC Köln zum FC Bayern war dann auch ein Studienplatz an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Trainer zu sein, hat eine pädagogische Seite. Diese erstreckt sich bis auf das Private", sagte der ehemalige Bayern-Coach Dettmar Cramer einmal. Bei Kapellmann kamen diese Worte an. "Dettmar Cramer hatte ein Interesse daran, dass auch ein Verrückter im Team war, dass es in der Kabine nicht nur um Weiber und Bankkonten ging", sagte Kapellmann der Deutschen Presse-Agentur über seinen früheren Trainer. "Ich war zwar ein Außenseiter, hatte aber auch immer moralische Unterstützung, zum Beispiel durch Franz (Beckenbauer). Man musste durch Leistung unentbehrlich sein, dann konnte man sich auch wie in meinem Fall Extravaganzen erlauben."

Fünf Jahre nach seinem Karriereende machte Kapellmann 1986 seinen Facharzt in Düsseldorf. Irgendwann hatte der Orthopäde das System in Deutschland aber satt. "Wenn ich mehr operiere, verdiene ich mehr. Dieses System ist falsch, wir operieren in Deutschland einfach zu viel", sagte Kapellmann. Eine Knieprothese für einen saudi-arabischen Minister eröffnete ihm 2010 die Chance zu einem Abenteuer in einem Land, das für Menschenrechtsverletzungen kritisiert wird.

Kapellmann lernte während der acht Jahre in dem Wüstenstaat viel. Viel über sich, über seine Arbeit als Arzt, über eine fremde Kultur, über den Stellenwert konservativer Therapie und auch über so etwas wie Dankbarkeit. "Die Tätigkeit mit Patienten macht mir sehr viel Spaß, ich kann sie beeinflussen und auch wieder aufs Gleis setzen", erzählte Kapellmann. "Vielleicht sollte der eine oder andere aber nicht immer über das System schimpfen und auch dankbar sein, dass die Solidargemeinschaft mal für eine 15.000 bis 20.000 Euro teure Operation aufkommt. Die meisten Menschen beurteilen nur noch ihr eigenes Milieu, da wird mir zuviel geschimpft."

Kapellmann will sich nicht beschweren, er will noch dazulernen. Vermutlich ist er deshalb Anfang 2018 zu einem weiteren Abenteuer aufgebrochen. In einem Klinikzentrum im thüringischen Bad Sulza ist der gebürtige Nordrhein-Westfale in der Rehamedizin angestellt.

"Wenn man hier selber lebt, entwickelt man ein Verständnis dafür, warum so viele Menschen frustriert sind und die AfD als Rettung sehen. Hier und da verklären allerdings viele auch die Vergangenheit, die Überwachung in der früheren DDR. Die rechten Populisten schlagen daraus Kapital", erzählte Kapellmann, der 1974 zum Weltmeisterkader gehörte, aber ohne Einsatz blieb. "Ich denke aber nicht, dass die Gesellschaft so blöd ist und sich verführen lässt, weil es noch viele Zeugen aus der Zeit der Nazi-Gräuel gibt. Ich selbst bin ein kritischer Mensch und versuche, mich im Osten zu integrieren."