Möckern/Burg l Ob „Möbel-Lobby“ oder „Ambulant Betreutes Wohnen“ in Möckern, ob „Die Tafel“ in Möckern und Gommern oder Tagesstätte und Kontaktcafé „Der kleine Muck“ in Burg: Sieben Gründungsmitglieder legten vor einem Vierteljahrhundert den Grundstein für das, was heute in der ganzen Region als „DRK Suchtkurve“ bekannt und gesellschaftlich akzeptiert ist.

„Ohne die erste offene Selbsthilfegruppe gäbe es das alles heute gar nicht“, sagt Wolfgang Auerbach, selbst damaliges Gründungsmitglied und heute hauptberuflicher Leiter des Ambulant Betreuten Wohnens in Möckern.

Angesiedelt an Diakonie

Zu Gründungszeiten hatte das Deutsche Rote Kreuz (DRK) noch nichts mit der Geschichte zu tun. Angesiedelt war die „Suchtkurve“ in der Vergangenheit zuerst bei der Diakonie Magdeburg, dann bei der Volkssolidarität.

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Die heutige Selbsthilfegruppe ging aus der Suchtberatungsstelle Burg hervor, die damals ihren Sitz in der ehemaligen Polyklinik hatte. Wolfgang Auerbach kam zu dieser Zeit aus der Selbsthilfegruppe „Synynon“ in Brandenburg und wollte nun selber helfen. „Ziel vor 25 Jahren war, etwas für uns selber zu tun und auch für Andere da zu sein, die Hilfe brauchen, ihre Abstinenz beizubehalten und zu festigen“, so Wolfgang Auerbach.

Man wollte jedoch einen eigenen Verein gründen, der für alle geöffnet war, ohne die Pflicht oder das Gefühl einer erforderlichen Zugehörigkeit. „Eine Zeitlang fanden die Gruppentreffen in den Räumen der adventistischen Freikirche statt“, berichtet Auerbach. Das fanden nicht alle gut. „Es musste also etwas für die ‚Heiden‘ her“, erinnert sich Auerbach mit einem Augenzwinkern zurück. Inzwischen schlossen sich immer mehr Hilfesuchende der Gruppe an. Am 7. November 1994 wurde eine eigene Frauengruppe gegründet.

Kontaktcafé für Suchtkranke

Mit den Jahren entwickelte sich die Suchtkurve auf zwei Ebenen. Die eine Ebene war der Selbsthilfebereich, die zweite Ebene der vom Träger geführte professionelle Bereich, zu dem heute die „Ambulante Suchtkrankenhilfe und die Tagesstätte für Suchtkranke mit dem Kontaktcafé gehören.

Die Tagesstätte Burg startete im November 2000, zwei Jahre später öffnete das Kontaktcafé „Zum kleinen Muck“ in der Bürgermarkstrasse 1. Die Burger Selbsthilfegruppe „Bürgermark“ gründete sich im Mai 2000.

Bereits Mitte der 1990er Jahre entdeckte die Selbsthilfegruppe die Stadt Möckern für sich. Der damalige Stadtbürgermeister Udo Rönnecke stellte Räume in der Möckeraner Gartenstraße zur Verfügung. Im Gegenzug beteiligten sich die „Suchtkurvler“ an der Fassadenerneuerung des Gebäudes Magdeburger Straße 20. Dabei handelt es sich um das alte Nicolai-Hospital, gegründet vor Jahrhunderten von der „Elenden Bruderschaft“. Dort lebten noch in den späten 1990er Jahren Menschen unter schlimmen Bedingungen.

Auerbach spricht von einer „Nasszelle“ mit 17 Senioren und 14 Trinkern. Schon damals griff das Konzept der „geordneten Tagesstruktur“: „Wer etwas in den Händen hat, kann keine Flasche halten“, erklärt Wolfgang Auerbach das Prinzip der Beschäftigung.Aus dem heruntergekommenen Gebäudetrakt des Hospitals machte Auerbach mit seinen „Klienten“ über Jahre hinweg eine Heimstatt für „trockene“ Alkoholiker.

Ein Drittel Neugierde

Mit anfänglichen Schwierigkeiten: „Ganz am Anfang haben wir mit den damaligen Bewohnern versucht, deren Wohnungen nach Möglichkeiten umzugestalten. Da waren die ersten Leute schon um 11 Uhr wieder dicht. Aber neben zwei Drittel Besoffenen gab es auch ein Drittel Neugierde“, erzählt Auerbach. Und die Neugierde siegte letztlich.

„Viel Unterstützung gab es von Anfang an bei allen Projekten von den Kommunen, Sponsoren, Nachbarn und Betrieben“, ist Auerbach sehr dankbar. In dieser Zeit, 1996, gründete sich, quasi als Untergruppe der „Suchtkurve“ auch die Selbsthilfegruppe „An der Ehle“ in Möckern.

Längst hat die „Suchtkurve“ ihr Angebot ausgeweitet. Hinzugekommen sind soziale Projekte wie vor zwölf Jahren die „Tafel“ für Sozialbedürftige in Gommern und Möckern, die Möbel-Lobby in Möckern (seit 2001) und die Fahrerlaubnisgruppen für alkoholauffällige Kraftfahrer im Straßenverkehr.

Krisen und Höhepunkte

Im Jahr 2000 ging die Suchtkurve Jerichower Land ein festes Bündnis mit dem DRK Regionalverband Magdeburg Jerichower Land ein. Den Namen „Suchtkurve“ ließ sich Wolfgang Auerbach aber da schon schützen. Er soll so weiter bestehen bleiben. Woher aber kommt der Name „Suchtkurve“? Auerbach vergleicht den Namen mit dem Leben, aber auch mit dem Kampf gegen die Sucht. Als Grafik dargestellt sähe man Krisen und Höhepunkte: „Es geht immer mal bergauf, und dann wieder bergab.“ Die SHG Suchtkurve steht für das gegenseitige Sichwiederaufrichten.

„Wer Hilfe haben möchte und kommt, hat gute Chancen auf ein Leben ohne Sucht“, sagt Wolfgang Auerbach. Er spricht aus 25-jähriger Erfahrung.